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form+zweck 19
Vom Handeln im Netz. Dimensionen der Globalisierung

 

Omar Akbar

Bauhaus im Netz

 

Netz - das ist ein Begriff mit vielen Bedeutungen. Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, ihn vor allem auf die Neuen Medien zu beziehen, auf die weltumspannenden Datennetze. Die verbinden, verknüpfen. Netze können auch auffangen, Sicherheit bieten. Und sie können fesseln, beengen. Bauhaus im Netz - das hat von allem etwas.
Das Bauhaus steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts einmal mehr im Zentrum eines Netzes aus einander widerstreitenden Interessen, die mit den Ambitionen seiner Gründer möglicherweise nur wenig zu tun haben. Von Developer-Firmen über Fertighaus-Firmen bis hin zu Möbelproduzenten oder Ausbildungsinstitutionen möchten viele an der Glorie eines Namens teilhaben, der nach wie vor nicht nur Profite verspricht, sondern von einem breiten Publikum als Gütesiegel des guten Geschmacks begriffen wird. Andere bemühen sich um die vermeintliche Reinhaltung des Bauhauses, indem sie alle Ambivalenzen seiner Geschichte negieren, indem sie es musealisieren, indem sie alle Versuche, sein Erbe zu aktualisieren, als postmodern diffamieren, und indem sie das, was längst »common heritage«geworden ist, zum Privateigentum der Bauhausgründer deklarieren. Ein Netz also, in dem alle die Spinnen sind und keiner die Fliege sein will. Und ein Netz, aus dem man das Bauhaus wahrscheinlich nicht befreien kann, indem man es kunstvoll entwirrt, sondern nur, indem man manchen gordisch gewordenen Knoten einfach durchtrennt.

Denn dieses Netz aus kommerziellen Interessen und ideologischen Ansprüchen ist gewiß nicht das, was Walter Gropius im Sinne hatte. Er selbst - wie viele seiner Architektenkollegen der Klassischen Moderne - war ja ein Meister des Netzeknüpfens, dessen, was man heute Networking nennt. Werkbund, Arbeitsrat für Kunst, Gläserne Kette sind Beispiele dafür schon aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Protagonisten neben Gropius hießen zum Beispiel Peter Behrens, Henry van de Velde, Max Taut. Die Möglichkeit zur Gründung des Bauhauses 1919 war das Ergebnis eines funktionierenden Netzwerks. Und nun ergaben sich Netzüberlagerungen zu allseitigem Nutzen, denn die von Gropius an die junge Schule berufenen Künstler brachten ihre eigenen Netze mit: Wassily Kandinsky, Paul Klee, Georg Muche. Gropius' großer Erfolg als Bauhausdirektor trotz der allzeit prekären finanziellen Lage der Schule, trotz durchaus widersprüchlicher pädagogischer Ansätze und einer in den ersten Jahren relativ spärlichen Produktion, rührte daher, dass er in allen Netzen die Fäden in der Hand behielt und sie für die Zwecke des Bauhauses nutzbar machte. Die Bauhausausstellung 1923 in Weimar ist ein fantastisches Beispiel dafür.

Sie zeigte allerdings ganz klar auch dies: die Geschichte des Bauhauses ist eine Geschichte der Vielfalt, eine Geschichte der Widersprüche. Der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath hat gezeigt, dass diese Geschichte sich noch weiter differenziert als nur nach den drei Orten Weimar, Dessau und Berlin; mit den fünf Phasen, in die er die kurze Lebenszeit des historischen Bauhauses einteilt, werden die konzeptionellen, personellen und strukturellen Umbrüche deutlich. Und auch das ist ganz typisch für ein Netz: es besteht aus vielen Windungen, Knoten, nicht aus einer schnurgeraden Linie von A nach B. Dieses Bauhaus-Netz spannte sich zudem auf in einer Zeit, die auch politisch voller Ambivalenzen war. Es ist so, dass die Bauhäusler und viele ihrer Kollegen ihr Netze auch nach 1933 nutzen wollten, um für die neuen Herrscher zu bauen oder Plakate zu entwerfen, dass sie bereit waren, sich neu zu vernetzen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Wer das aus der Bauhaus-Geschichte ausblendet, betreibt Geschichtsverfälschung. Und wer die, die auch diesen Teil des Netzes beleuchten, über Gerichtsurteile und durch Intervention bei staatlichen Autoritäten mundtot machen will, der bedient sich genau der Mechanismen, mit denen das historische Bauhaus von Anfang an zu kämpfen hatte.
Mit den Lehrenden und Lernenden aus 29 Nationen, mit seinem gegen gängige Konventionen gerichteten Ausbildungsprogramm war das Bauhaus als Schule im Dritten Reich nicht mehr denkbar; viele seiner Protagonisten emigrierten sofort, andere folgten, als sich der Fortbestand ihrer Netze in Deutschland als nicht mehr tragfähig erwies. Sie nahmen ihr Wissen mit sich, gründeten neue Schulen, wie das New Bauhaus in Chicago und das Black Mountain College in Carolina. Das Netz war nicht mehr so engmaschig wie in Weimar oder Dessau, aber Publikationen, Lehre und Ausstellungen hielten es am Leben. 1937/38 widmete das Museum of Modern Art in New York dem Bauhaus eine viel beachtete Präsentation. Gropius, der aus seinem englischen Exil nach Harvard berufen wurde, konnte an einer der renommiertesten Universitäten des Landes zwar kein neues Bauhaus gründen, aber viele seiner mittlerweile berühmten Studenten wie zum Beispiel I. M. Pei setzen bis heute seine architektonischen Postulate in ihrer Arbeit um.

 

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