s_fz19.jpg

 

form+zweck 19
Vom Handeln im Netz. Dimensionen der Globalisierung

 

Joseph Weizenbaum

Das Internet

 

Vorbemerkungen
Beim Zuhören ist mir ein Witz eingefallen. Ein alter Jude in einem Schtetl wird zum Bahnhof geschickt, um von dort einen Arzt anzurufen. Ein Arzt wird gebraucht. Da sagt er: »Ich habe noch nie telefoniert, wie macht man das?« »Na ja, da ist so ein Kasten und das Ding an der Seite hält man an sein Ohr und mit der linken Hand dreht man und dann hört man schon und dann fängt man an zu sprechen«. »So. Und mit welcher Hand kann ich reden?«

Mir ist auch etwas über westliche Zivilisation und Kultur eingefallen. Gandhi wurde in Indien aus dem Gefängnis geholt, um in England etwas mitzumachen, und als er in Southhampton ankam, wurde er von Reportern interviewt. Einer fragte ihn: »Mr. Gandhi, what do you think of western civilisation?« Er hat einen Moment nachgedacht und antwortete: »I think, it would be a good idea.« Ich glaube, das ist immer noch so.


Ich bin sozusagen ein Computermensch. Ich habe mein ganzes Leben lang, weit über 50 Jahre mit Computern gearbeitet. Vor 25 Jahren habe ich ein Buch geschrieben »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft«. Es ist erstaunlich, es ist immer noch auf dem Markt und wie man mir sagte, immer noch aktuell. Unter anderem sicher, weil es nicht über einen speziellen Computer spricht, sondern über die Idee Computer. Es ist sehr viel passiert in den letzten 25 Jahren. Die Computer sind schneller, billiger, leichter geworden. Ja, da könnte man sich fragen, wie passiert das überhaupt. Ich habe mal - auch vor langer Zeit - ein Papier geschrieben über den Einfluß der Computer auf die Gesellschaft. Kurz danach fiel mir ein, der Titel ist falsch, es sollte heißen der Einfluß der Gesellschaft auf den Computer und nicht umgekehrt, denn daß der Computer kleiner, schneller und leichter geworden ist, war nicht die Folge irgendeines natürlichen Gesetzes. Nein. Ich erinnere mich: In einem technischen Museum in Berlin sieht man eine Rakete, die sagen wir einen Meter lang ist. Das Ding sieht aus wie eine Rakete und vorn ist Glas, da ist eine Fernsehkamera drin. Dann wird in diesem Museum erklärt, diese Fernsehkamera wurde während des 2. Weltkrieges von den Deutschen entwickelt und die Idee war, man schießt diese Rakete ab und das Fernsehen zeigt, wo sie ist und hinten sitzen Leute, die sie steuern können und da kann man das Ziel sehr genau erreichen. Aber das Ding wurde nie verwendet, unter anderem weil es überhaupt kein Platz für den Sprengstoff gab, nachdem die ganze Elektronik drin war. Und dem Feind Fernsehkameras zu liefern, das war nicht die Idee. Da sieht man - wir sprechen von 1944 - etwas von der Entwicklung des Computers. Das Militär mußte den Computer und die ganze Elektronik, die damit zusammenhängt, sehr viel kleiner, sehr viel leichter haben, es muß fliegen können, schneller sein. Ob billiger oder nicht, das ist eine andere Sache. Es hat etwas zu tun mit der Gestaltung unserer Gesellschaft. Die amerikanische Gesellschaft ist leider in den letzten 40 Jahren eine hochmilitarisierte Gesellschaft geworden und man kann viele Entwicklungen sehen und ganz besonders im Computerbereich, die von den Militärs gewollt, man kann auch sagen: bestimmt waren.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 19: Vom Handeln im Netz ...