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form+zweck 19
Vom Handeln im Netz. Dimensionen der Globalisierung

 

Reinhard Krüger

Die Mayas und das Internet

 


"Nous ne voulons pas que le monde continue sans nous, nous ne voulons pas disparaître. Mais nous ne voulons pas non plus cesser d'être ce que nous sommes. C'est un processus d'affirmation de notre différence. La lutte des indigènes d'Amérique latine c'est la volonté d'affirmer: nous voulons faire partie de l'histoire nouvelle, de l'histoire du monde."

"Wir wollen nicht, daß die Welt ohne uns weitergeht, wir wollen nicht verschwinden. Aber wir wollen ebensowenig damit aufhören, das zu bleiben, was wir sind. Es handelt sich um einen Prozeß der Bekräftigung unserer Differenz. Der Kampf der Eingeborenen Lateinamerikas das ist der Wille zu bekräftigen: wir wollen Teil der neuen Geschichte sein, der Geschichte der Welt."
Marcos[1]

0. Tierra y libertad: Die politische Lage im Süden Mexicos

Der Süden Mexicos und die angrenzenden lateinamerikanischen Länder sind deutlich dadurch geprägt, daß große Teile der Bevölkerung indianischen Ursprungs sind. Etwa zehn Millionen Mayas leben noch in Mexico, Guatemala und Belize. Auch andere Indianervölker, wie die Zapoteken im Südwesten Mexicos, die Náhuas oder die Mexicas im Zentrum spielen im Leben das Landes eine große Rolle und prägen es.
Doch kaum eines der indigenen Völker Mittelamerikas lebt so im Elend, wie gerade die Mayas (vom Stamme der Chol, der Tzeltal, der Tzotzil und der Tojolabal) im südlichsten mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Die Widersprüche sind kaum verständlich: auf der einen Seite ist Chiapas einer der reichsten mexikanischen Bundesstaaten, reich an Rohstoffen und paradiesisch fruchtbar. Auf der anderen Seite zählen seine Bewohner zu den ärmsten Mexicos überhaupt. Obgleich das offizielle tägliche Mindesteinkommen in Mexico bei 80 bis 100 Pesos liegt (ca. 20 - 25 DM), werden in Chiapas vielfach kaum mehr als 20 Pesos pro Tag verdient. Den Mayas, die im wesentlich unfruchtbareren Norden auf der gestrüppreichen Halbinsel Yucatán leben, geht es im Vergleich dazu deutlich besser.
In Zentralamerika geht es immer, wenn es Konflikte gibt, um Landbesitz und die Möglichkeit, das Land zu nutzen. Dies erklärt letztlich auch die Lage der Mayas in Chiapas: im fruchtbarsten Landstrich Mexicos lebend, sind sie Opfer eines seit Jahrhunderten gegen sie geführten Verdrängungswettkampfes, den die Weißen und seit einigen Jahrzehnten auch mit der früheren Staatspartei PRI (Partido de la Revolución Institutionalizada / Partei der institutionalisierten Revolution) verbündete Kräfte unter den Mestizen und Indios gegen sie führen. Dies hat dazu beigetragen, daß die ertragreichsten Böden in den Händen von Latifundisten weißer, mestizischer oder gar indianischer Herkunft sind, während sich die Mehrheit der Landbevölkerung mit sehr geringem und zudem schlecht zu bearbeitendem Boden (teils in steilster Hanglage) begnügen muß. Es kommt hinzu, daß gerade hier die mexikanische Regierung wie auch die Staatsregierung von Chiapas in den letzten Jahrzehnten auffällig wenig in Fragen des Gesundheitswesens und des Bildungssystems für die indigene Bevölkerung von Chiapas getan haben. Es scheint fast so, als habe diese Gleichgültigkeit Ziel und Methode gehabt: das Verschwinden der indigenen Völker im Süden durch einfache Nichtbeachtung von deren Lebensbedürfnissen war ein durchaus gerne hingenommenes Risiko. Die daraus resultierende allgemeine soziale Bedrängnis der Menschen in Chiapas hat in den politischen Analysen der mexikanischen und lateinamerikanischen Linken schon vor Jahrzehnten zu dem Ergebnis geführt, daß Chiapas aufgrund des Elends der indigenen Bevölkerung der Ausgangspunkt von neuen revolutionären Bauernbewegungen in Mexico sein würde.

 

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