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form+zweck 19
Vom Handeln im Netz. Dimensionen der Globalisierung

 

Chup Friemert

Editorial

 

»Netz« ist in den letzten Jahren ein Kürzel geworden für das Internet, für neue Formen der Kommunikation und des Krieges, des Datenaustausches zur Überwachung und Steuerung komplexer und fernliegender Zusammenhänge - Medizin, Politik, Publizistik und Unterhaltung.
Mit dem Netz keimen Hoffnungen auf neue Möglichkeiten des Entwerfens und Chancen für neue Beziehungen scheinen überall zu lauern. »Netz« und »Netzwerk« avancierten zu Chiffren, gelten als Bestimmungen für das Wesen der letzten zehn Jahre, zu Recht wohl nur insofern, als dass das Internet neue Formen der Vernetzung tatsächlich zustande gebracht hat. Dabei überlagern sich technische mit sozialen Zusammenhängen, neue Technologien spuren hergebrachte Verhältnisse und Verhaltensweisen ein und oftmals wird bei all der neuen, smarten Technik die soziale Funktion verdrängt, unterschlagen, schlicht: übersehen.
Das letzte viertel Jahr hat gezeigt, dass die neuen technischen Qualitäten nicht von selbst in soziale Veränderungen umschlagen: bei all der Normiertheit, Formatiertheit, Gleichgültigkeit und Standardisierung, bei all der Billigkeit und Adaptationsfähigkeit, die das Technische mit sich bringt, hat sich gezeigt, dass Netze nicht von selbst demokratisch sind, nicht an sich offen und horizontal, sondern ebenso hierarchisch, geschlossen, vertikal. Das oft verbreitete Bild des Ausgleichs und der Gleichheit im oder durchs Netz erweist sich als ein Irrtum, als ideologisches Bild. Obwohl das Technische das Soziale formt, indem es besondere Haltungen und Handlungsweisen ausbildet, bestimmt doch das Soziale das Technische: Jede technische Entwicklung kennt einen Auftraggeber und einen Entwickler.
Der Begriff des Netzes ist älter als das Internet, er ist vielfältig, verästelt, verwickelt. Ein Netz kann etwas sein zum Tragen, zum Fischen, ein Netz kann etwas sein, das zusammengebunden ist, verflochten, entweder aus einem Faden wie beim Häkeln und Stricken, oder aus mehreren Fäden, wie beim Weben - Textur aus Knoten und Weg. Ein Netz kann wachsen als eine verwandtschaftliche Bindung oder aus gleicher sozialer Lage - egal, ob frei gewählt oder unverschuldet.
Netze sind nicht statisch, nicht unveränderlich, auch sie unterliegen der Zeit. Im Unterschied zu technischen Netzen, die veralten und durch neuartige, leistungsfähigere ersetzt werden müssen, werden soziale Netze in der Geschichte bewahrt, beständig umgebaut und angepaßt.
Die Beiträge in diesem Heft entwickeln die Dialektik des Technischen und Sozialen in unterschiedlichen Netzzusammenhängen, Vernetzungsarten, Bindungsgeflechten.
Ist das Internet wirklich mehr als ein militärisches Arrangement komplexen Nachrichtenverkehrs, das auch unterhaltsam sein kann?
Sind selbstbestimmte kooperative Bindungen, wie sie am Bauhaus gegen alle Tradition geknüpft worden sind, stabil genug für einen andauernden avantgardistischen Gestaltungsanspruch?
Können die gleichrichtenden Tendenzen der Internettechnologien zur Unterminierung privater Verfügungsgewalt, von ausbeutenden Monopolstellungen genutzt werden?
Können technische Strukturzusammenhänge - wie es Gewebe sind - kulturell aufgeladen werden, wenn die Konstruktionsregeln von allen geteilt werden?
Ist ein Netz überhaupt nur von der Struktur her zu verstehen, in denen die Spannungskräfte laufen, oder doch vielmehr von den Räumen, die diese Stränge umschließen, von den Maschen, die die Fäden bilden?
Ist die Kraft, die durch ein Netzwerk fließt, die Spannung, unter der es steht, nur für und in diesem Netz existent und also ein Selbstzweck oder ist das Soziale und Politische, das an den Netzen sichtbar wird, doch eher etwas, das die technische Struktur nur nutzt, um Ziele der Befreiung und Unterdrückung auf möglichst komplexe Weise durchzusetzen?

form+zweck veröffentlicht die Beiträge des 3. Rotis-Symposiums »Vom Handeln im Netz. Dimensionen der Globalisierung«, veranstaltet vom Ulmer Museum/ HfG Archiv Ulm im Mai 2001 anläßlich Otl Aichers Geburtstag. Die Idee zu den Symposien stammt von Florian Aicher, der Intendant des 3. Symposiums war Chup Friemert.