s_fz19.jpg

 

form+zweck 19
Vom Handeln im Netz. Dimensionen der Globalisierung

 

Marie-Luise Thiele

Eine Tanzperformance

 

Ein Mensch hockt an eine Säule gelehnt, beginnt auf frischem Grasblatt zu blasen. Die Klänge sind klagende Glissandi, die immer wieder abbrechen, in die Stille lauschen, von Vogelzwitschern beantwortet werden. Ein Tänzer erscheint auf einer Freitreppe an einem Gebäude, benutzt das Geländer als Widerlager, ergießt seine Formideen in ausladende skurrile Bewegungen, bis er auf die Wiese springt, auf der schon geraume Zeit eine Tänzerin sich in langsam fließenden Bewegungen vom Hintergrund löst, und den in der Projektion vernetzten Schatten eines Baumes folgend sich dem Zentrum des Platzes nähert. Die Tänzer begegnen einander, verbinden sich mit einer langen Mullbinde, tanzen ein Pas de Deux, entfernen und nähern sich einander, indem sie sich drehend die Binde mit ihren Körpern auf- und abwickeln. Als sie die säulenumstandene Plattform erreichen, ist die Grasmusik zu einem klarinettenartigen Rohrblattklang mutiert. Zu einer schnellen Tanzsequenz mit Stuhl, in der die zerreißende Konkurrenz einer lebendigen zwischenmenschlichen Beziehung mit der Bezogenheit auf den virtuellen Raum des weltweiten Netzes durch den Computer mit hektischen Bewegungen dargestellt wird, spielt der Musiker zu Klängen aus dem Lautsprecher stakkatoartige Rhythmuspatterns auf einer nordafrikanischen Tontrommel. Schließlich werden die tragenden Säulen und die zuschauenden Teilnehmer mit Mullbinden verbunden. Ein durch die Aktion ins Leben gerufenes Netzwerk wird sichtbar.

Die Darstellung eines Netzwerks durch Tanz erfolgt in der Zeit. Zwei Tänzer nehmen Kontakte miteinander auf, knüpfen Verbindungen zwischen den einzelnen Bewegungslinien und bauen vernetzte Strukturen. Diese entstehen, da Bewegung flüchtig ist, erst im visuellen Gedächtnis des Betrachters, in seinem Vorstellungsraum. Das gleiche geschieht in der Musik, wo sich im akkustischen Gedächtnis die einzelnen, linear in der Zeit erfolgenden Melodielinien zu dem Ganzen eines Musikstücks überlagern. Beim verbalen Denken zerlegen wir eine komplexe Vorstellung in einzelne Elemente, finden Worte (Kodierung), bilden Sätze, die wir sprechen, die von anderen gehört und verstanden werden, wobei sich die linear in der Zeit gesprochenen Sätze zu einer ganzheitlichen Vorstellung zusammensetzen (Dekodierung).
Die Topographie und Architektur, die Schatten der Zweige, sowie die natürlichen Klänge des Ortes werden in die Tanzperformance einbezogen, sind elementare Bestandteile der Aktion.
Einen Bezug zum Internet (World Wide Web) stellt die Parodierung des Zwangsverhaltens am Computer her, der Sucht nach Information, des denervierenden Wartens auf Verbindung und Datenübertragung.
Damit die Vernetzung der Bewegungslinien und die Verbindung mit den Schauenden sichtbar werden, legen die Tänzer Mullbinden aus, sodaß nach der Aktion ein Artefakt dieser an sich flüchtigen Spuren übrigbleibt - ein Kunst(netz)werk.