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hfg ulm

 

Günter Lattermann

Bauhaus ohne Kunststoffe? - Kunststoffe ohne Bauhaus?

 

Gewöhnlich wird geglaubt, das Bauhaus habe die Avanciertheit seiner Formen engen Beziehungen zu den seinerzeit modernsten industriellen Fertigungsmethoden zu verdanken. Tatsächlich jedoch war die Bezugnahme der Bauhäusler auf modernste Technologien eher selektiv. Ausgerechnet Kunststoffe, die in den 20er und 30er Jahren zweifellos beste Zukunftsperspektiven boten, wurden in ihren formalen Qualitäten am Bauhaus so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen. Diese Reserviertheit ist um so merkwürdiger, als es gerade das formale Repertoire des Bauhauses war, das den Kunststoffen in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zu mehr gesellschaftlicher Aufmerksamkeit verhalf.
Günter Lattermann ist Polymerchemiker an der Universität in Bayreuth. Im Rahmen seiner »makromolekularchäologischen« Sammlung beschäftigt er sich mit Geschichte und Designaspekten alter Kunststoffe vor 1945. Er beschreibt in seinem Beitrag erstmals detailliert einerseits die sehr wenigen Arbeiten des Bauhauses mit synthetischen Stoffen und andererseits vielfältige Beispiele, bei denen die formalen Konzepte aus dem Bauhaus verwendet wurden zur Gestaltung von Erzeugnissen für die damals noch junge, Kunststoffe verarbeitende Industrie.


Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob die Gestaltung von Objekten aus Kunststoff völlig unbeeinflusst vom Bauhaus war, wenn es sich schon nicht selber um Kunststoffdesign kümmerte.
Entwürfe aus dem Bauhaus zur Formgestaltung von Produkten für die Kunststoff verarbeitende Industrie sind nicht bekannt.1, Lediglich eine Verwendung statt Gestaltung von Kunststoffen erfolgte durch einige wenige Bauhausmitglieder in ganz speziellen Fällen hauptsächlich in der späteren Periode.
Zunächst lassen sich allerdings Vorläufermaterialien erwähnen, die mit synthetischen Produkten nicht unbedingt in Verbindung gebracht werden. Linoleum , ein ›Kunstprodukt‹ aus natürlichen Ausgangsstoffen wie Leinöl, Kork, Farbpigmenten und Jutegewebe, setzten auch Bauhausmitglieder schon relativ früh als Bodenbelag , und dann später an Wänden, auf Tischen und im Sockelbereich von Möbeln ein. Vulkanfiber (Hydratcellulose), ein anderes Vorläufermaterial, wurde 1923, neben anderen Materialien, von László Moholy-Nagy für eine Raumskulptur (»Konstruktion«) verwendet.
Am Bauhaus wurde immer wieder mit schon lange bekannten Kunstseiden experimentiert. Sie gehören nicht zu den Formmaterialien, da sie, einmal hergestellt, in ihrer Form nicht mehr verändert werden. Neben anderen Beispielen finden sich aus verschiedenen Kunstseiden 1922/23 ein kleiner Wandbehang , zwischen 1923 bis 1925 Wandbehänge, Decken und Möbelspannstoffe von Gunta Stölzl und 1926 ein Wandbehang von Anni Albers beziehungsweise Dekorationsstoffe von Lilly Reich.

 

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