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form+zweck 20
hfg ulm

 

Jörg Petruschat

Befreit die Technik und Ihr befreit die Form!

 

Die konzeptionellen Orientierungen an der HfG reagierten auf Grundprobleme moderner Zivilisation. Mit Wissenschaft und Rationalität sollte es gelingen, die furchtbaren Konsequenzen technologischer Möglichkeiten, die Faschismus und Zweiter Weltkrieg hatten offenbar werden lassen, auszuschließen und eine Zukunft zu entwerfen, in der technische Entwicklungen kulturell gebändigt und gestalterisch beherrscht werden.
In einem Kommentar zu Max Bense entwickelt Jörg Petruschat den Gedanken, daß diese Zielstellungen unrealistisch bleiben müssen, solange Begriff und Konzept von Technik mit dem Humanen gleichgesetzt werden: die Formen erscheinen derart immer als Vollstreckungen von Zwecken, die technischen Parametern verpflichtet sind. Dem stehen die ästhetischen Erkundungen von Walter Zeischegg gegenüber, der das Verhältnis von Form und Zweck in genau dieser Reihenfolge zu bestimmen versuchte.

I
Die Hochschule für Gestaltung in Ulm war von ihren Initiatoren, allen voran Inge Scholl, Otl Aicher und Hans Werner Richter, als eine Institution gedacht, die frei ein sollte von wirtschaftlichen und staatspolitischen Einflüssen. Nur in strenger Autonomie gegen derartige Interessen schien es ihnen möglich, eine antifaschistische Elite für ein neues Deutschland heranzubilden. Dieser Neuanfang war radikal gedacht und zielte auf Grundlagen moderner Gesellschaftsentwicklung. Inge Aicher-Scholl formulierte das zentrale Problem moderner Zivilisationen so: Ist eine kulturelle Bewältigung der Technik möglich? - und erklärte die Beantwortung dieser Frage zum Grundanliegen der HfG.
Damit wurde ein Thema aufgenommen, das schon für das Bauhaus richtunggebend war: das Verhältnis von Kultur und Technik. Mit dem Umzug des Bauhauses aus der Goethestadt Weimar in die Industriestadt Dessau hatte Gropius die Ausrichtung der Gestaltung am Handwerk aufgegeben und eine neue Einheit von Kunst und Technik gefordert. Doch was bei Gropius euphorisch gemeint war, daß Künstler in die Lage gebracht werden könnten, den technischen Bestand der modernen Welt zu dirigieren und auf eine humane Weise auszuformen, war zum Zeitpunkt seiner Verkündung schon Illusion: Seine Vision, man könne die Technik in den Fabriken handhaben wie ein Meister seinen Griffel, basierte auf der Vorstellung, Fabrik sei nichts anderes als mechanisiertes Handwerk. Dabei hatte schon der Weltkrieg I gezeigt, daß Technik nicht aus isolierten Maschinen, sondern aus maschinellen Systemen bestand, die in warenkapitalistische Zusammenhänge eingebunden waren, vor deren Komplexität jede individuell angelegte Einflußnahme bestenfalls romantisch ausfallen konnte. Nicht zufällig wurde während des Ersten Weltkrieges der DIN-Verein gebildet und der Gewehrstandard 08/15 zum geflügelten Wort.
Faschismus und Weltkrieg II, Technikwahn, Verrohstofflichung menschlicher Individuen und nachrichtendienstlich organisierter Unterdrückungsapparat - deutsche Formen, das Verhältnis der modernen Massengesellschaft zu ihrer technischen Plattform politisch zu lösen - zwangen Inge Aicher-Scholl, das Problem skeptischer zu sehen als Gropius: Würde es überhaupt gelingen, der Technik Herr zu werden?
Zur Einweihung des Hochschulgebäudes betonte Max Bill: "Die gesamte Tätigkeit an der Hochschule ist darauf gerichtet, am Aufbau einer neuen Kultur mitzuarbeiten, mit dem Ziel, eine mit dem technischen Zeitalter übereinstimmende Lebensform zu schaffen. Die heutige Kultur ist zu tief erschüttert als daß man gewissermaßen an der Spitze der Pyramide anfangen könnte mit weiterbauen. Wir müssen unten anfangen und die Fundamente prüfen."
Heute werden die Grenzen zwischen dem Technischen und dem Kulturellen, zwischen humanen Individuen und maschinellen Systemen immer durchlässiger. Die klaren Fronten, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zwischen dem Technischen und dem Humanen noch zu ziehen war, haben sich in Zwischenreiche aufgelöst. Cyborgs sind mittlerweile überall. Mit dem Ineinanderlaufen der Gegensätze von Kultur und Technik, von Mensch und Maschine scheint die Frage, welche der Seiten in diesem Verhältnis dominieren werde, unsinnig, weil alternativlos zu werden. Ist die Ulmer Frage nach den Möglichkeiten, Technik kulturell zu bewältigen, antiquiert, weil Kultur von Technik ununterscheidbar wird?

 

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