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hfg ulm

 

Claude Schnaidt

Damals stand ich im Lager der Optimisten

 

Claude Schnaidt gehört zu den politisch streitbarsten Köpfen an der HfG. Zunächst studierte, dann lehrte er dort bis zur Schließung in der Abteilung Bauen. Er kennt die Schule also von beiden Seiten.
Das Gespräch mit ihm ging der Frage nach, welche Funktionen der HfG in den Strategien des amerikanischen Hochkommissars McCloy zugedacht waren bei dem Projekt, deutsche Intellektuelle in ein proamerikanisches und antisowjetisches Programm einzubinden.
Claude Schnaidt ist Architekturhistoriker und -theoretiker. Er lebt in Paris. Jede Hochschule, an der er längere Zeit lehrte, wurde geschlossen.

form+zweck: Zur Einleitung unseres Gesprächs. Wir wollen ein Heft zum 50. Gründungstag der Hochschule für Gestaltung in Ulm veröffentlichen. Man denkt ja, es gäbe viele Publikationen zu Ulm, aber so zahlreich sind sie nicht und vor allem sind sie nicht in allen Punkten so erhellend, wie wir uns das wünschen. Ulm wird oft als unschuldige Einrichtung dargestellt, die einfach modern war und mit ihrem Programm unwiderstehlich alle Welt beglückt hat. Das ist eine unpolitische Wahrnehmung. Wir wollen auch eine politische Skizze machen. Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, weshalb eine Hochschule für Gestaltung gegründet worden ist und nicht die ursprünglich geplante Schule für politische Bildung. Es scheint klar, daß im Rahmen der Re-Education die USA und der McCloy-Fonds daran interessiert waren, das westliche, das trizonale, später das bundesdeutsche Ausbildungssystem in ein Counter-Programm gegen den Osten einzubetten. Dafür hat die Geschwister-Scholl-Stiftung aus den USA viel Geld bekommen, immerhin die zweitgrößte Summe für ein Ausbildungsinstitut nach der Freien Universität in Berlin. Die HfG war nicht in den MacCarthey-Kreuzzug einbezogen, sondern in jenen Teil des Antikommunismus-Programms, das ehemalige Kommunisten gegen potentielle Linke organisierte und einsetzte. Der Höhepunkt dieser Kampagne war der Kongreß für die Freiheit der Kultur in Berlin im Jahre 1952.
Woher hattest Du von Ulm gehört?

Schnaidt: Aus dem Buch »Form« von Max Bill, das 1952 erschien. Ich habe an Max Bill geschrieben, der mir im Januar 1954 antwortete, daß viele Anmeldungen für die Architekturabteilung bereits eingetroffen seien, eine Art zu sagen, daß ich mich beeilen sollte, wenn ich in Ulm studieren wollte. Daraufhin fuhr ich im März nach Zürich. Ich hatte das Technikum in Genf absolviert und war schon Bauingenieur. Danach ging ich zur Architekturhochschule und das erste Studienjahr war toll, weil es dort eine ganz andere Stimmung gab. Im Technikum war alles sehr streng und technisch und wissenschaftlich. Auf einmal war ich in einem Künstlermilieu. Ich musste aber schnell feststellen, daß für mich alles Wiederholung war. Die technischen Fächer waren an der Architekturhochschule schlechter als in der Bauingenieurschule. Also ging ich nicht mehr zu Vorlesungen. Es war die Zeit, wo es kein Problem war, Arbeit zu bekommen. Bald ging ich immer seltener zur Hochschule und ich wußte nicht mehr, was ich machen sollte: lohnte es sich, weiter zu studieren oder nicht. Ich durfte bei guten Architekten arbeiten, gut verdienen. Ich hatte eine Stelle bei dem Architekten Jean Ellenberger. Er sagte jeden Tag: ›Sie sind wohl verrückt, mit Max Bill nach Ulm zu gehen‹. Eines Tages kam er ins Büro und sagte: ›Ich habe den Bauauftrag für eine Kirche in Verbier. Sie soll rund sein, wie alle meine Kirchen. Ich habe genug von den Kirchen. Sie können den Auftrag haben‹. Er wollte mir den Auftrag schenken. Er war mit mir zufrieden, denn ich hatte eine Kapelle für eine argentinische Großgrundbesitzerin gezeichnet. Sie wollte für ihr Gut in Argentinien eine Mini-Kirche haben. Das habe ich entworfen. Sie war von der Kirche entzückt. Ich hatte aber eine Sache gemacht, die sofort entfernt werden mußte. Auf die drei Stufen zur Kirche hatte ich schlafende Mexikaner gezeichnet, mit Sombreros. Ellenberger hat die Zeichnung der Dame gebracht, sie meinte: ›Die Kirche ist gut, aber wir sind kein wildes Land‹. Sofort wurden die Mexikaner vom Plan der argentinischen Kirche ausradiert. Das Angebot von Ellenberger war klar: ›Sie bleiben hier, Sie vergessen Ulm und Sie bekommen den Auftrag für Verbier‹.
Ich habe mich doch für Ulm entschieden. Sonst wäre ich Kirchenbauer geworden. Tja, so ist das Leben.

 

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