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form+zweck 20
hfg ulm

 

Tomás Maldonado

Dokument 1: Grundlehre

 

An dieser Stelle publizieren wir ein bisher nicht veröffentlichtes Dokument. Es handelt sich hierbei um ein maschinegeschriebenes Typoskript von Tomás Maldonado, das sich heute in den Beständen des HfG-Archivs in Ulm befindet.
Der Text begründet die Neuorientierung der Grundlehre, die Maldonado gegen die eingefahrene Praxis, die auf Max Bills Bauhaus-Erfahrungen zurückging, durchsetzen mußte. So findet sich in diesem Dokument die Zuspitzung, daß intellektuelle Problemlösungen den Problemlösungen gestaltender Hände zumindest ebenbürtig seien. Der Text gibt zudem einen Einblick in die hohe Diskussionskultur und die Ernsthaftigkeit, mit der die Auseinandersetzungen um Konzeption und Orientierung der Lehre an der HfG Ulm geführt wurden. Von hier aus wird deutlich, daß die Entwicklung der Schule auch zu verstehen ist als eine Verschränkung von Methode und Inhalt der Lehre. Diese Frage von Methode und Inhalt ist mit den Begriffen einer Pädagogik nicht zu fassen, sondern als Gestus des Entwerfens.


ich möchte ihnen heut meinen persönlichen arbeitsplan für den grundkurs des nächsten jahres vorlegen. damit mein plan richtig verstanden wird, glaube ich, dass es nützlich ist, einige allgemeine betrachtungen über meine auffassungen des grundkurses vorauszuschicken. ich weiss nicht, ob dies in den gewohnheiten der schule liegt. ich weiss auch nicht, ob betrachtungen dieser natur ihr interesse finden. in jedem fall ist es für mich eine notwendigkeit, denn meine praktische tätigkeit in der doktrin zu begründen liegt nicht nur in meinen intellektuellen gewohnheiten, sondern auch in meinem gegenwärtigen interesse in bezug auf die schule.

andererseits möchte ich annehmen , dass es für sie nicht ungelegen sein kann, die denkweise eines neuen kollegen über die gleichen probleme kennen zu lernen, die sie schon seit langer zeit beschäftigen.

ich möchte gleich zu anfang bemerken, dass alle früheren erfahrungen des grundkurses, die ich kenne, meiner meinung nach nicht befriedigend sind. was war praktisch bis jetzt ein grundkurs? seit dem alten bauhaus bis zu den amerikanischen »d'aprés bauhaus« schulen, ist der grundkurs immer eine vorbereitungsperiode gewesen in welcher die studenten, sei es mit expressiven oder sei es mit technologischen absichten, arbeiten in papier, gips, draht, holz, glas realisierten. ausserdem übte man sich an farbskalen an alten oder neuen, willkürlichen oder mehr oder weniger wissenschaftlichen methoden, und man führte sie in den gebrauch gewisser formen der deskriptiven geometrie ein.

die theoretische begründung dieser tätigkeiten fasste man gewöhnlich in folgenden schlagworten zusammen:
1) man muss das expressive vermögen des individuums befreien;
2) man muss die spuren einer verbalen erziehung zerstören;
3) man muss praktisch manuell und nicht durch bücher unterrichten;
4) man muss die sinne wiedererziehen.

 

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