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hfg ulm

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Als 1968 die hochschule für gestaltung in Ulm geschlossen wurde, war dies nicht das Ende einer Bildungseinrichtung. Vielleicht ist die Vorstellung, bei der hfg habe es sich um eine Art von Erziehungsanstalt zu guter Gestaltung gehandelt, das am weitesten verbreitete und am meisten in die Irre führende Mißverständnis.
Uns interessierte die hfg als bis heute letzte Zusammenführung gestalterischer Kräfte, die für eine tiefgreifende Veränderung der modernen Gesellschaft eintraten. Man kann nicht sagen, daß dies den Protagonisten gelungen wäre. Aber man muß konstatieren, daß es in der Bundesrepublik seither keiner anderen Gestaltungsinstitution gelungen ist, einen nur annähernd großen Einfluß auf die Entwicklung von Theorie und Praxis der Gestaltung auszuüben.
Beruhte die starke Ausstrahlung der hfg allein darauf, daß es ihr um ein Programm zu kulturellen Neuorientierungen ging? Oder darauf, daß an der hfg Gestaltung in einem intellektuellen Horizont reflektiert wurde, daß der Q-Berg zum Tummelplatz internationaler Wissenschaftseliten avancierte? Oder schlicht darauf, daß die moderne Gesellschaft - obwohl ihre Wohlfahrt erst durch einen ständigen Wechsel ihrer ästhetischen Oberflächen garantiert wird - Versuche, ihre Lebensweisen prinzipiell zu verändern, abstößt und an gesellschaftliche Ränder drängt, wo sie unter günstigen Zeitumständen kurz aber selbstbestimmt zur Blüte gelangen?
Inge Scholl begann knapp nach Kriegsende gemeinsam mit Otl Aicher und Hans Werner Richter über eine Hochschulgründung zu debattieren. Sie tat dies auch aus Verpflichtung ihren Geschwistern gegenüber, die von den Faschisten wegen ihres Widerstandes in der Gruppe »Weiße Rose« hingerichtet wurden. Angesichtes des Ulmer Umfeldes schien es ihr bitternötig, politische Aufklärung zu leisten, um neuerlichen Faschismus auf deutschem Boden zu verhindern. Die neue Hochschule sollte Politiker, Journalisten, Literaten ausbilden. Als es gelang, Max Bill für diese Hochschulpläne zu gewinnen, wurde die Gestaltung von Gegenständen und Räumen, die in den bisherigen Gründungsplänen eher peripher gedacht war, zum Zentrum des Unternehmens. Bill, der seinerzeit gerade mit großen Ausstellungen international Karriere machte, sah in dem Projekt die Chance, seinen Namen mit der Gründung einer Bauhausnachfolge zu verbinden. Er hatte am Bauhaus studiert und wußte, daß eine weitgehend autonome Konzentration hochkarätiger, ästhetisch avancierter Gestalterpersönlichkeiten weitreichende Entwicklungsperspektiven herausgab. Er wandte sich an Walter Gropius, der in den USA ein einflußreiches Architektendasein führte. Gropius schickte Bill das Konzept von New Bauhaus, jenes amerikanischen Nachfolgeinstituts, das Laszlo Moholy-Nagy in Chicago aufgezogen hatte und riet dem Konkreten Künstler, die Leute des Wortes, also Literaten, Philosophen und Journalisten, aus dem Zentrum seiner Hochschulkonzeption heraus zu drängen.
Bill, so sollte sich zeigen, war kein Mann, der Diskussionen schätzte, und von den aufklärerischen Absichten Scholls, Aichers und Richters blieb schließlich nur eine Abteilung »Information« übrig. Hans Werner Richter, immerhin der Mitinitiator und Sekretär der »Gruppe 47«, Bekenner eines »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« und alles andere als ein handzahmer Schriftsteller, schied wenig später aus dem Projekt aus.
Zur Finanzierung des Hochschulprojektes waren Inge Scholl eine Million Mark in Aussicht gestellt worden. Das Geld stammte aus einem Fond zur kulturpolitischen Entwicklung Deutschlands, der dem US-amerikanischen Hochkommissar John McCloy unterstand. Inge Scholl sollte das Geld erhalten, wenn es ihr gelänge in Deutschland eine Million Mark zur Gegenfinanzierung aufzutreiben. Die Unterstützung war nicht selbstlos. Die USA sahen sich speziell in Deutschland einem latenten, manchmal auch offenen Antiamerikanismus gegenüber, dessen Quellen diffus waren. Maßgeblicher für die Politik der Vereinigten Staaten jedoch war der Einfluß, den sozialistische und kommunistische Ideologien nach der Befreiung vom Faschismus in ganz Europa gewonnen hatten. In einem sich rasch ausweitenden Programm kulturpolitischer Aktivitäten, das sowohl von der US-Regierung als auch von zahlreichen privaten Förderern finanziert und von der CIA koordiniert wurde, versuchten sie, den prosowjetischen Einfluß, speziell unter den europäischen Intellektuellen, zurückzudrängen. Die Strategie bestand darin, jene linken Kräfte zu unterstützen und an die amerikanische Politik zu binden, die angesichts des stalinistischen Terrors mit der Sowjetunion gebrochen hatten. Der CIA schuf dazu ein offizielles Konsortium aus gemeinnützigen Stiftungen, Wirtschaftsunternehmen und Einzelpersonen, die seine Geheimprogramme in Westeuropa verschleierten und zugleich die nötigen Geldmittel bereitstellten oder verteilten.
Erst nach und nach wird bekannt, wie umfangreich das Konsortium war, das der CIA zur Verschleierung seiner Aktivitäten in Westeuropa schuf und das dazu diente, die geheimen Pläne zu finanzieren. Heute sind mindestens 170 Stiftungen bekannt, die den Transfer von CIA-Mitteln erwiesenermaßen bewußt ermöglicht haben - dazu zählen die gemeinnützigen Stiftungen wie Ford, Rockefeller, Carnegie. Obwohl konkrete Direktiven, die sich auf die hfg beziehen, nicht bekannt sind, steht ihre Gründung im Kontext derartiger Bestrebungen. Die Förderung der hfg war mehr als eine Maßnahme innerhalb des landläufigen Re-Education-Programms und die Funktionen, die ihr zufielen, gingen weit über den Antifaschismus hinaus, wie ihn Inge Scholl und Otl Aicher aus ihrer unmittelbaren Erfahrung heraus formuliert hatten.
Den Scheck über eine Million Mark erhielt Inge Scholl aus den Händen von McCloy, Hoher Kommissar in Deutschland, ehemals stellvertretender Kriegsminister, Präsident der Weltbank, neuer Präsident der Ford Foundation, seit 1953 Vorsitzender von Rockefellers Chase Manhatten Bank, Vorsitzender im Council On Foreign Relations und Wall-Street-Anwalt, der sieben große Ölfirmen betreute sowie in zahlreichen Aufsichtsräten saß.
Ein Foto, das während des Hochschulbaus entstand, zeigt das Mitglied des Kuratoriums der Geschwister-Scholl-Stiftung, Hermann Josef Abs, an der Spitze der Begutachter.
Die Autonomie, die die hfg mit ihrer Gründung erreichen wollte und die, soweit sie hergestellt werden konnte, tatsächlich eine entscheidende Bedingung für weitreichende Experimente und theoretische Verlautbarungen war, war kein Zustand, der je erreicht wurde, sondern eher eine Zielstellung, die gegen eine Realität jenseits des Campus durchgesetzt werden mußte.
Die Verwickeltheit der Zusammenhänge werden den meisten der damaligen Akteure wenig bekannt, und wenn, nur in Ausschnitten klar gewesen sein. Sie verdeutlichen jedoch die gesellschaftspolitische Brisanz eines Projektes zur Integration gestalterischer Kräfte, die es sich vorgenommen hatten, die modernen Zivilisationen vom Weg imperialistischer Kriege und menschenvernichtender Technologien wegzuführen.
Wer die geschichtlichen Dimensionen der hfg aufspüren will, muß mehr zur Kenntnis nehmen als die provinzielle Konfliktlage von Antifaschisten auf dem Berg und Erzreaktionären in der Verwaltung der Stadt Ulm, die es nicht hatten hinnehmen wollen, daß das Projekt, die Moderne zu gestalten, eine Kampfansage an ihre politischen und nicht nur an ihre ästhetischen Vorstellungen war.
Das vorliegende Heft ist eine Dokument zur Geschichte der hfg - keine Rückschau, keine Würdigung im sattsam bekannten Sinne der Zeiten, die über manche Differenzen hinweghilft. Wir haben Gespräche geführt, in denen es uns darum ging, die Grundsätzlichkeit der Konflikte damals aufzuspüren, in denen sich die Protagonisten - sei es bewußt, sei es bloß ahnungsvoll - bewegt haben. Tomàs Maldonado ist neben der Gründerfigur von Max Bill eine Schlüsselfigur in der Geschichte der hfg. Auf seine Initiative ging die Neuorientierung der Hochschule auf Wissenschaftlichkeit und Methodologie zurück. - War diese Orientierung nur ein Mittel, den Bauhäusler von seinem Direktorenposten zu holen, den er immer weniger auszufüllen in der Lage war?
Claude Schnaidt gehört zu den wenigen, die nicht nur (fast) die gesamte Existenz der Hochschule erlebt haben - er kennt nicht nur die Perspektiven der Studierenden wie der Lehrenden, weil er auf beiden Seiten agierte, er gehört auch zu den politisch am meisten engagierten Personen, zu jenen, die früh ihr eigenes Tun in größeren weltpolitischen Zusammenhängen reflektierten.
Mit Claudia von Alemann ist es uns gelungen, eine Gesprächspartnerin zu finden, die mit einem an der Kamera geschulten Beobachterblick wichtige Ausschnitte aus der kulturellen Welt der Studierenden erfaßt hat und heute zur Sprache bringen kann. Über das Studentische hinaus kann sie berichten von der besonderen Rolle, die die Abteilung Film im Gefüge der gestaltenden Disziplinen spielte.

Die Geschichte der hfg ist längst noch nicht so begriffen, daß sie schlüssig erzählt oder in Bilder gefaßt werden könnte. Der Brief von Gui Bonsiepe am Anfang des Heftes findet dafür klare Worte. Wir glauben dennoch, daß die drei Interviews und die hier erstmals veröffentlichten Dokumente gleichwohl prägnante Sichten zur Kenntnis bringen.

Die Texte von Otto Karl Werckmeister und von mir sollen bewußt werden lassen, daß die Probleme und Fragestellungen, die an der hfg verhandelt oder bloß thematisiert wurden, erst in weiträumigen historischen Kontexten kultureller, künstlerischer, wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen ihre Radikalität sowie ihre bis in die Gegenwart reichende Dringlichkeit offenbaren.
An der hfg ging es um Möglichkeiten, auf den modernen Gang der Dinge Einfluß zu nehmen. Das ist wesentlich mehr als gute Gestaltung. Die Wege, die eingeschlagen, die Mittel die verwendet wurden, um die moderne Gesellschaft in eine menschenwürdige Gesellschaft zu verwandeln, zeigen erst im historischen Abstand ihre diabolischen Seiten. Daß der heutigen Zivilisation ein massiver Wechsel in Kultur und Technik nottut, steht außer Frage. Auch hierbei werden Mißverständnisse bei der Entscheidung für Mittel und Methoden nicht ausbleiben. Die hfg ist hierfür nicht bloß ein Präzedenzfall, von dem historisch zu lernen ist. Hier sind Kriterien entstanden zur Qualität von Erörterung und Auseinandersetzung, für Experimente und Ergebnisse, Kriterien, die für das, was heute zu tun ansteht, maßgebend sind.