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hfg ulm

 

Otto K. Werckmeister

Otl Aichers Bildtafeln zu Wilhelm von Ockham

 

Otl Aicher, gebürtiger Ulmer, gehörte schon während des zweiten Weltkrieges zum Umkreis der Weißen Rose. Er engagierte sich nach 1945 mit Inge Scholl in der Volkshochschule Ulm und entwarf gemeinsam mit ihr und Hans Werner Richter den Plan, in Ulm eine Hochschule zu gründen.
Landläufig gilt Otl Aicher als Typograf und Entwerfer der Olympia-Piktogramme. Mancher erinnert auch noch, daß ihm das Durcheinander von Kunst und Gestaltung suspekt war.
Dabei gerät in Vergessenheit, daß seine Arbeit vor dem Hintergrund einer mächtigen kulturellen Tradition stattfand, von der Aicher zeit seines Schaffens versuchte, sich abzulösen.
Otto Karl Werckmeister ist Mittelalter-Spezialist und beschäftigt sich mit den Bilderwelten der Gegenwart. Aus dieser Kenntnis heraus interpretiert er den Ockham-Zyklus, der zu den Spätwerken gehört und bemerkenswerterweise kaum in Aichers Monographien Berücksichtigung findet, auf sehr ungewöhnliche Weise.
Otto Karl Werckmeister lebt nach langjähriger Lehrtätigkeit an der University of California in Los Angeles und an der Northwestern University in Evenston, Illinois, wieder in Berlin.


Designer, Künstler, Schöpfer

»Für Ockham ist die Ordnung der Welt nicht vor der Geschichte da, die Geschichte selbst erzeugt Ordnungen. Gottes Schöpfung ist immer neu. Sie ist nicht ein Werden einer im voraus definierten Weltordnung. Mit der Geschichte bestimmt sich die Welt und das Wirken Gottes immer aufs neue.
Ockham versteht Gott nicht als Architekten der Welt. Gott schafft, erhält, trägt diese Welt, wirkt in ihr und durch sie.
Ockham lässt nicht zu, dass Gott in ein Jenseits verschoben wird.
Damit kommt auch den Dingen und der Welt eine neue Bedeutung zu.
Die materiellen konkreten Dinge sind nichts Sekundäres. Sie sind nicht mehr Abbilder eines göttlichen Generalplanes, sie sind selbst der Plan. Die ›Ideen‹ Gottes sind in den Dingen und in der Welt.»
Otl Aicher, Gabriele Greindl und Wilhelm Vossenkuhl, Wilhelm von Ockham: Das Risiko modern zu denken, München 1986, p. 176

In zweien seiner Bildtafeln zu dem Buch Wilhelm von Ockham: Das Risiko modern zu denken von 1986 hat Otl Aicher sich die ganzseitige Darstellung Gottes als Weltschöpfer in einer Bible moralisée aus der Mitte des 13. Jahrhunderts zum Vorbild genommen. Er stellt darin die abgeschlossene Schöpfung der Welt zu Beginn der Zeit nach dem biblischen Text einem permanenten Schöpfungsprozess im Verlauf der Zeit gegenüber, so wie Wilhelm von Ockham ihn sich dachte, um seine Theorie des Designs nach Maßgabe von Ockhams philosophischer Theologie zu begründen. Die mittelalterliche Miniatur zeigt Gott, wie er fest auf den Boden tritt und sich zur Scheibe des Kosmos mit Erde und Himmel, die er in der rechten Hand hält, hinunterbeugt. Mit seinem goldenen Zirkel bringt er sie in eine geometrische Ordnung, so wie die Schöpfungstätigkeit im Buch der Weisheit, 11:20, angesprochen wird: »Doch du hast alles nach Maß und Zahl und Gewicht geordnet.« Aicher hat dieses Bild in zwei alternativen Versionen abgewandelt. Die eine zeigt Gott geflügelt in einer höheren waagerechten Zone, noch mit dem Zirkel in der Hand, nachdem er den abgezirkelten Erdkreis in die Zone darunter entlassen hat. In der anderen Version schreitet er ohne Zirkel voran, auf und in der Schöpfung, die ein Geflecht von vier farbigen Bändern in ständiger Fortentwicklung symbolisiert, und die er mit beiden Händen in Bewegung hält.

 

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