s_fz20.jpg

 

form+zweck 20
hfg ulm

 

Till Bruttel

Ulm

 

Am Südwestrand der Stadt Ulm, an der Straße, die von Ulm zu dem Dorf Grimmelfingen führt, unweit der Bundesstraße 311, oberhalb des Donautals liegt der Obere Kuhberg. Ein flacher langgestreckter Kamm, der vom Stadtrand aufsteigt und in einer Fläche endet. Am Rand dieser Hochfläche stehen seit Anfang des 19. Jahrhunderts die Reste eines Forts. Unmittelbar daneben, mit Blick auf das Donautal, von der Stadt getrennt, frei auf dem Plateau, die Hochschule für Gestaltung. Spöttische Zungen nannten diesen Bau »Betonbunker« oder »Designkloster«.
Es gibt ein Luftbild, das kurz nach der Fertigstellung der HfG (1955) aufgenommen wurde. Im oberen Drittel des Bildes links sind die Türme des Ulmer Münsters zu erkennen. Alles andere ist eingehüllt in einen Dunst. Wenn man weiß, daß ungefähr die Hälfte der Wohnungen und 75 Prozent der Industrieanlagen, Handwerksstätten und Geschäftshäuser zerstört waren, müssen unter dem Dunst Trümmerfelder liegen. Sie werden von einer Häuserzeile begrenzt, die sich wie eine Stadtmauer durch das Bild zieht. Davor liegen Obstgärten und Wiesen, eine Straße führt aus der Stadt in einen Waldstreifen. Vor ihm liegt die Hochschule für Gestaltung, eine klar gegliederte Gebäudegruppe mit Wegen, von der Sonne erhellt.

»Ich glaube, daß die Menschheit bis zum Halse im Alltäglichen steckt.«
Fernand Braudel

Die Trümmerfelder der Stadt Ulm ließen immer noch die mittelalterliche Stadtstruktur erkennen. Es gibt zwar kein einheitlich formales Modell, denn die Stadt paßte sich jeweils auf ihre eigene Art und Weise den geographischen und historischen Gegebenheiten an. Das Straßennetz war unregelmäßig, aber es bildete ein System, in dem man sich zurechtfand. Es gab eine Hierarchie von Haupt- und Nebenstraßen. Die Plätze bildeten einen, den Häusern zugeordneten Raum. Die schmalen Straßen waren nur für den Verkehr. Die breiten Straßen und die Plätze wurden von Händlern, Geschäftsleuten und Handwerkern benutzt, auf ihnen fanden Umzüge, Demonstrationen, Versammlungen statt. Sie waren Schauplatz für jahreszeitliche Feste. Die Vorderfronten der mehrstöckigen Häuser säumten die Straßen und Plätze und trennten den öffentlichen vom privaten Bereich. Der öffentliche Bereich war für alle zugänglich. Er erstreckte sich über die ganze Stadt. Öffentliche und private Gebäude mit ihren Innenhöfen und Gärten gaben ihm einen Rahmen.

Keine Öffnung zur Welt ohne Fernhandel.

Vor den Toren der Stadt kreuzten sich die Fernstraßen von Nordeuropa nach Italien, dem Balkan und dem vorderen Orient sowie die von Frankreich nach Bayern. Ab Ulm war die Donau mit Frachtschiffen befahrbar, den Ulmer Schachteln, sie hatten eine Ladekapazität von 200 Tonnen. Die Umgebung von Ulm, die Flächenalb, eine großflächige Gewannflur, ist fruchtbar und seit alters wird der landwirtschaftliche Besitz nicht zu gleichen Teilen an die Erben weitergegeben, sondern er bleibt in einer Hand. Es entstand nicht der Typus des Rucksackbauern. Die übrigen Kinder mußten sich einem anderen Broterwerb zuwenden. So gab es einen fortgesetzten Dialog mit dem Hinterland und die Zuwanderung immer neuer Menschen, die unentbehrlich waren.

Eine Stadt kann nur existieren, wenn ihre Umgebung weniger attraktiv ist als sie selbst. Sie muß ihre Umgebung beglücken mit Waren, sie muß ihren Geschmack, ihre Maße und Gewichte durchsetzen, zum Besuch ihrer Läden, Ämter, Juristen und Feste animieren. Um selbst bestehen zu können, muß die Stadt ihr Reich beherrschen. Ulm zählte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den größten Garnisonsstädten im Deutschen Reich. Zwischen 1848 du 1857 wurde das Fort auf dem Hochsträß erbaut. Es war Teil einer Festungsanlage. Das Fort wurde auch als Gefangenenlager genutzt und unter den Nationalsozialisten als »Schutzhaftlager« und Konzentrationslager.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 20: hfg ulm ...