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form+zweck 20
hfg ulm

 

Nils Krüger

Virtuelles Bühnenbild

 

Gewöhnlich sind Bühnenbilder der starre Hintergrund für die bewegten Szenen der Schauspieler. In der Oper »Marlowe: Der Jude von Malta« von André Werner, die für die Münchener Biennale für neues Musiktheater komponiert wurde, ist das anders. Auf Anregung des Komponisten entstand in Zusammenarbeit mit Designern ein interaktives Bühnenbild - Staffage und Kostüme sind hier nicht starr vorgegeben, sondern können augenblicklich verändert werden.
Der Raum existiert nur virtuell, er wird auf Stellwände projiziert und kann von einem der Darsteller mit einer Handbewegung verändert, bewegt, zum Rotieren gebracht werden.
Wie der Raum sind auch die Kostüme nur Schein. Die Akteure tragen weiße Anzüge, darauf werden Muster projiziert. Das Muster legt fest, welche Rolle sie gerade spielen.

Die Vorgeschichte
Die Münchener Biennale ist ein Festival für neues Musiktheater in Deutschland. In den letzten 14 Jahren sind im Rahmen dieser Biennale 30 Opern gefördert und uraufgeführt worden. Für das Festival 2002 hat André Werner die Oper »Marlowe: Der Jude von Malta« komponiert und das Libretto geschrieben. Begonnen hat er 1996, die Uraufführung war 2002. Gleich zu Beginn seiner Arbeit entwickelte er die Grundidee, die Präsenz der Hauptfigur über deren Choreografie und die dadurch initiierte Definition und Veränderung des Bühnenraums hervorzuheben. Daraufhin wandte er sich an den Designer Nils Krüger (zunächst ART+COM, dann Büro Staubach Berlin) mit der Frage, ob er ein interaktives Bühnenbild entwickeln könne. André Werner wusste hier potentielle Partner zu finden, die sich schon sehr früh mit Projektionen und virtuellen Räumen befasst haben, welche in Echtzeit manipulierbar sind. Seitdem liefen Entwicklung des Bühnenbildes und Komposition der Oper parallel.

Das Libretto
Christopher Marlowe, ein Zeitgenosse Shakespeares, schrieb 1589/90 das Drama »Famous Tragedy of the Rich Jew of Malta«. Zur Zeit seiner Entstehung und Veröffentlichung schockierte es vor allem durch seine rigorose Offenheit, mit der das Zusammenspiel von Religion und Macht bloßgelegt wurde. Bei Marlowe nur durch einen kurzen Prolog vertreten ist Machiavelli im Libretto von André Werner die zentrale Figur des Stückes. Er sieht sich als Weltenschöpfer, er denkt die Welt bewegt sich nach seinem Plan, er glaubt das Handeln der Akteure zu bestimmen und scheitert dann selbst in seinem Spiel. Fragmente des Dramas Marlowes sind lediglich die Elemente seiner wechselnden Versuchsanordnungen.

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