s_fz20.jpg

 

form+zweck 20
hfg ulm

 

Tomás Maldonado

Von Buenes Aires auf den Kuhberg

 

form+zweck

Wie kamen Sie von Buenos Aires nach Ulm? Das ist doch ein großer Sprung.

Maldonado
Ohne Zweifel war es ein großer Sprung - nicht nur im geographischen Sinn. Es war für mich auch eine wichtige Umstellung in meinem Tätigkeitsbereich: von der Konkreten Kunst in Buenos Aires zum Industriedesign in Ulm. Ich muß allerdings sagen, daß in meiner Art, die Konkrete Kunst zu verstehen und zu praktizieren, immer eine Beziehung mit der Welt der Produktion, wenigstens in nuce, bestand. Das lässt sich leicht erklären durch meinen damaligen Umgang mit den Ideen des produktivistischen Flügels des russischen Konstruktivismus. Hauptsächlich mit den radikalen Auffassungen, die Arvatov, K_snev und Gan vertreten haben.

form+zweck
Ein solcher Einfluß setzt eine gründliche Kenntnis über die europäische Avantgarde voraus. Wie war das möglich?

Maldonado
Der Zugang zur Information war im allgemeinen nicht einfach. Man darf nicht vergessen, dass die Konkrete Kunst in Argentinien in einem besonderen historischen Moment entstanden ist. Es war die Zeit zwischen 1943 und 1946. Eine ungünstige Zeit, das kann man wohl sagen, um sich über die künstlerische Avantgarde außerhalb des Landes zu informieren. In der Tat, war Argentinien in jeder Hinsicht isoliert. Trotzdem haben wir zufällig einen Umweg gefunden. Viele Exildeutsche, hauptsächlich aus Berlin, haben wertvolles Material (Zeitschriften, Manifeste, Prospekte und Reproduktionen) mitgebracht. Wir haben dieses Material sofort übersetzen lassen. So wurden wir mit den Ideen und Werken des russischen Konstruktivismus vertraut. Gewiss hat unser politisches Engagement eine große Rolle bei der Rezeptivität gegenüber dieser Kunstrichtung gespielt.

form+zweck
Können Sie etwas über dieses "politische Engagement" sagen?

Maldonado
Man könnte sagen, daß in dieser Zeit unsere politische Einstellung sehr extrem, sehr ideologisch war. Wir waren, wie die Mehrzahl der Protagonisten des russischen Konstruktivismus, Marxisten. Viele von uns, und ich insbesonders, waren von der schon erwähnten produktivistischen Vorstellung geprägt. Wir waren fest davon überzeugt, daß die Kunst einen engen Kontakt mit der Produktion haben sollte. Darüber hinaus sollte die Kunst - das heißt, die Konkrete Kunst - direkt dazu beitragen, die kapitalistische Gesellschaft definitiv ins Wanken zu bringen. Obwohl nie klar war, wie ein solches anspruchsvolles Programm, nur an Hand von geometrischen Kompositionen auf einer Leinwand, in die Tat umzusetzen war. Dieser Aspekt wurde oft als eine nebensächliche Detailfrage betrachtet. So naiv und weltfremd waren wir damals. Man muß aber zugeben, daß in dieser Konzeption - abgesehen von der visionär-utopischen Ingredienz - einige positive Aspekte vorhanden waren. Zum Beispiel, die Vorstellung, dass die Konkrete Kunst nicht als eine reine künstlerische Tätigkeit, sondern als ein Teil einer weitreichenden Erfahrungswelt zu verstehen war. Diese Annahme hat eine entscheidende Rolle in meiner persönlichen Entwicklung gespielt. Dank gerade dieser Annahme habe ich meinen Übergang von der Konkreten Kunst in Buenos Aires zum Industriedesign in Ulm nicht als einen traumatischen Bruch erlebt.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 20: hfg ulm ...