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hfg ulm

 

Claudia von Aleman

Wir hatten alle einen Stich ins Absurde

 

Mit der Abteilung Film zog das Kino in die hfg ein. Damit kommt eine narrative Kunst in die Hochschule für Gestaltung, die die wissenschaftlichen Strategien der ästhetischen Formierung mit einem subjektiven Zugriff konfrontierte, oft auch provozierte.
Claudia von Aleman lernte, noch als Schülerin, in Köln die Aktivitäten des Studios für elektronische Musik kennen. Sie erlebte Ligeti, Kagel, de Delàs, Nam June Paik, Stockhausen, John Cage und Merce Cunningham. Deren Arbeit und Fluxus haben sie früh beeinflusst und geprägt.
Von 1964-68 studierte sie bei Alexander Kluge, Edgar Reitz und Detten Schleiermacher an der hfg.
Als Filmemacherin drehte sie Dokumentar- und Spielfilme. Ihr Thema ist das außer Acht Gelassene, Unbekannte, Vergessene, sind Frauen, Verfolgte, Außenseiter. Ihrer Filme sind assoziativ wie Träume und operieren mit einfachen Mitteln, darin ist sie eine Meisterin.
Viele ihrer Filme haben internationale Auszeichnungen erhalten und sind in den großen Museen von New York bis London zu finden.
Seit 1982 hat sie eine Professur an der FH Dortmund für die Abteilung Film.
Claudia von Alemann lebt heute in Köln und Berlin.


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Wann haben sie angefangen, in Ulm zu studieren und warum gerade dort?

Claudia von Alemann
Im Oktober 1964 ging ich nach Ulm. Am liebsten hätte ich aber an der berühmten Filmhochschule in Lødz studiert, und lernte dafür extra polnisch, aber die Sprache war sehr schwer zu erlernen. Dann wollte ich in Paris oder in Rom am Centro Sperimentale studieren, aber das war alles zu teuer für eine Ausländerin. In der BRD gab es nur an der HFG die Filmabteilung. Ich bewarb mich in Ulm und bekam drei Monate lang keine Antwort. Ich dachte: dann eben nicht, - ich bin in Berlin glücklich, ich kann mir meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich studierte damals Soziologie und Kunstgeschichte an der FU und war nebenbei Platzanweiserin im Schillertheater, lebte billig in einer WG mit einer Freundin und deren Baby.
Und dann bekam ich drei Tage vor Semesterbeginn einen Brief aus Ulm, ich solle kommen am 1. Oktober und das Studium beginnen. Ich war entsetzt. Ich habe aber doch alles abgebrochen und verlassen, Freundin und Baby, Uni, Schillertheater - und bin hingefahren. Dann stand ich da am 1. Oktober um 6 Uhr im Frühnebel im Morgengrauen, auf dem Bahnhofvorplatz von Ulm und guckte die Hauptstraße hinunter - wirklich wie im Western: ein Mann kommt an und sieht die Hauptstraße hinunter, der Staub wirbelt auf, und einer reitet auf dem Pferd die Straße entlang - so stand ich dort und dachte: nichts wie weg, sofort umkehren. Ich war das Großstadtleben gewohnt, das gute, süße.
Geblieben bin ich vier Jahre in der Einöde, auf dem Kuhberg, und wohnte auf dem Eselsberg am Anfang in einem winzigen eiskalten Zimmer mit meiner Freundin Marion.
An diesem ersten Tag hat Alexander Kluge uns alle ›vernommen‹, zusammen mit den beiden anderen Filmdozenten Edgar Reitz und Detten Schleiermacher. Man wußte nicht, ist man nun aufgenommen oder nicht. Aus diesen zehn neuen Bewerbern, die am 1. Oktober übernächtigt im Flur saßen, wurden dann die Klassen eins und zwei gebildet, drei und vier gab es schon. Leider wurde ich in die Klasse eins aufgenommen, in die Beginnerklasse, mußte die gesamte grafische Grundlehre mitmachen und hatte fast nichts mit Film zu tun. Ich hatte aber von Grafik keine Ahnung, ich konnte keinen geraden Strich ziehen. Ich war todunglücklich, denn ich wollte doch unbedingt das Filmemachen lernen. Auch meine anderen vier Mitbewerber und Bewerberinnen für die Filmabteilung waren sehr unglücklich. Nach drei Monaten war ich plötzlich allein in der ersten Klasse, mit den Grafikstudenten. Meine vier Mitbeginner waren alle entweder nach der 1. Prüfung rausgeworfen worden oder von selbst gegangen. Der einzige mit mir übriggebliebene Filmstudent, mit dem ich sehr eng befreundet war, hatte sich umgebracht auf dem eisigen Feld in der Nähe der Hochschule, und so stand ich plötzlich allein da. Ich wurde ziemlich krank, und da hatte Alexander Kluge ein Einsehen, und ich wurde gleich in die zweite Klasse übernommen und durfte endlich auch mit der Filmausbildung beginnen.
Wie man Filmemachen lernt, wie man Regie lernt, ist sowieso ein Mysterium. Das stellt sich mir selbst heute als Frage in der Arbeit mit meinen Studenten. Das ist nicht ein Ausbildungsgang wie Industriedesign. Unglaublich gut fand ich das Konzept der theoretischen und praktischen Wochen. Ich war richtig begeistert, weil ich im Gegensatz zur Uni richtig lernen konnte.

 

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