form+zweck 21
entwerfen

 

: Margarita Tsomou

Culture Jamming

 

In der Regel hat Grafik-Design heute die Funktion, das Getriebe der politischen und ökonomischen Hegemonie mit Bildern zu schmieren. Entwurfsstrategien jenseits des Mainstreams der Symbolpolitik sprengen schnell die Grenzen des Designs, die durch den »Gebrauch« abgezirkelt sind, und können daher in das geheimnisvolle Reich der Kunst verwiesen werden, in dem vermeintlich gänzlich andere Regeln gelten.
»Culture Jamming«, eine politische Bewegung, in der Designer wesentliche Protagonisten sind, verfolgt darum eine andere Strategie. Sie versucht die alltäglich ausgeübte, subtile Bildgewalt gegen deren Strippenzieher zu wenden, indem sie ein Redesign vorhandener Gebrauchsbilder unternimmt, diese neu kontextualisiert, verfremdet, verschmutzt, enttarnt.

Margarita Tsomou ist Kulturwissenschaftlerin und politische Aktivistin in Hamburg, Berlin und Athen. In ihrem Artikel stellt sie die Bewegung vor und gibt einen Überblick darüber, welche Formen der Aneignung und Umdeutung von Zeichen hier praktiziert werden. Im Interview spricht sie mit Timo Meisel über die Motivationen und Kontexte der Culture Jammer und über die Grenzen der Wirksamkeit von Interventionen in den symbolischen Raum.

Im Jahr 2000 verfassten Designer, Grafiker und Kulturarbeiter aus dem Spektrum der Organisation Adbusters ein Manifest, das ihre Position als kreative Ideenproduzenten im Dienst der Verkaufsindustrien reflektierte:
„We [...] are graphic designers, art directors and visual communicators who have been raised in a world in which techniques and apparatus of advertising have been presented to us as the most lukrative, effective and desirable use of our talents."1
Die Schrift wurde von zahlreichen Protagonisten der Grafik-Design-Szene unterzeichnet und in namhaften Designzeitschriften (unter anderem Emigre, Eye, Form) weltweit veröffentlicht. Sie rief kreative Profis dazu auf, ihre elaborierten Fähigkeiten im Umgang mit Gestaltungsmitteln und Kommunikationstechnologien gegen die ausschließlich am Profit orientierten Ziele ihrer Auftraggeber zu richten. Besonders die Bediensteten der Werbewirtschaft wurden dazu aufgefordert, sich die Produkte ihrer Arbeit eigensinnig wieder anzueignen, um die am Arbeitsplatz gefertigten Konsumangebote in Munition für einen medialen und symbolischen Guerillakrieg gegen die dominierende kommerzielle Kultur, die „Corporate Culture", umzufunktionieren. Das Tool hierfür: „Culture Jamming", die Methode der Entwendung und Zweckentfremdung von vorgefertigten medialen Erzeugnissen, Bildern und Kommunikationskanälen zum Zweck der Störung und/oder Umwertung ihrer ursprünglichen Funktion in der hegemonialen Kultur.
Adbusting und Subvertisement, Hacktivismus und E-Protest, Irritationsaktionen im öffentlichen Raum, Billboard-Veränderungen und Fakes, das alles sind Spielarten des Culture Jamming, einer kulturellen Piraterie, die es auf die Repräsentationsakte der Macht abgesehen hat. Seine tendenziell militante Haltung wird bereits bei der Herleitung des Begriffs „jamming" explizit, der im militärischen Fachvokabular die Ausstrahlung von elektromagnetischer Energie zum Zweck der Störung der feindlichen Kommunikationssysteme bezeichnet.
Beim Culture Jamming geht es um Strategien der „Kulturstörung": Zeichen und Symbole der Macht wie Reklame und Markenlogos, Bilder, Audio- und Videomaterial und Situationen im öffentlichen Raum werden ästhetisch sabotiert, um die subtile kulturelle Grammatik der Hegemonie zu irritieren, zu entlarven und zu reorganisieren.
Politisierte Akteure aus dem gestalterischen Feld haben eine besondere Affinität zu Formen der Kulturstörung als Akt des Widerstands - denn sie verfügen über den Blick und die not

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