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form+zweck 21
entwerfen

 

Jörg Petruschat

Das Leben ist bunt

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Macht und Ohnmacht von Individuen und dem Grad an Komplexität in ihrer Umwelt? Und was hat Gestaltung damit zu tun?

 

Jörg Petruschat zeigt in seinem Beitrag, daß das, was wir Entwerfen nennen, eine von unweltlicher Komplexität erzwungene und hervorgebrachte Verhaltensfigur ist und daß in einem naturgeschichtlichen Zusammenhang steht, bei dem menschliche Kreativität fortsetzt, was als Evolution der Kreaturen, als Selbstgestaltungsprozeß der Natur beginnt.

 

Mit der Moderne entsteht die Klage von der zunehmenden Komplexität der Umwelt: die Welt sei zu bunt, zu unübersichtlich, zuwenig geordnet und abgestimmt. Informationstechnologien, eingesetzt, das moderne Durcheinander ordentlich verwalten zu können, verschlimmerten, was sie verbessern sollten, durch die Aufrüstung von Telematik und virtuellen Realitäten. Zur Unübersichtlichkeit der Welt trat die Flut von Informationen noch hinzu.
Die Klage über ein Zuviel an Komplexität artikuliert das Gefühl eines Verlustes an Souveränität. Weil es so viele Dinge, so viele Informationen, so viele Reize sind, die auf einen einstürmen, sei man gezwungen, den Anspruch auf Kontrolle über das Ganze aufzugeben, man müsse mit seiner Aufmerksamkeit dosiert umgehen und könne sich nur noch um die wirklich wichtigen, also die eigene Person und ihrer Verwertung betreffenden Probleme kümmern. Was Menschen nicht mehr beherrschen, das werde ohnehin bald an besser organisierte Systeme übergehen - so Kevin Kelly schon vor Jahren in seinem Bestseller "Out of control".
Die Klage über die Unterordnung der Subjekte unter die Vielfalt der Bedingungen, die ihr Leben formatieren, ist den Designern nicht verborgen geblieben. Würde es gelingen, die Komplexität der Welt wieder zu reduzieren, dann würde der Einzelne seine Depressionen überwinden können und das Glück, Souverän der eigenen Lebensbedingungen zu sein, könnte sich an jedem Stapelgeschirr, an jeder Spielkonsole, an jedem Automaten einstellen (und würde nicht bloß als Versprechen der Werbung zu den Individuen zurück kehren).

 

Drei Strategien wurden gegen die moderne Unübersichtlichkeit in Anschlag gebracht: Zuerst wurden die Formen der Dinge vereinfacht, dann das Verwirrende und Vielfältige unter schnittige Gehäuseabdeckungen verbannt und schließlich die Designsemantik erfunden. Die Interpretation von Formen als Zeichen sollte helfen, das Unbekannte, das jedem neuen Objekt eigen ist, aus der Welt zu schaffen. Immerhin werden beim Interpretieren eigene Erfahrungen eingebracht und so würde mit dem Kaschieren der Objekte als Zeichen den Konsumenten nichts Fremdartiges mehr fremd vorkommen - sie würde das Neue von vornherein verständlich und vertraut finden.
Aber was sind Strategien, die Vielfalt der Welt zu reduzieren, anderes als Absagen, sie zu erneuern?
Ein Entwerfen, das sich darauf beschränkt, die technisch überbordende Komplexität kulturell bloß zu vermitteln, läßt die Entwicklung dieser Komplexität unangetastet und bringt demjenigen, der sich ihr in degenerativer Absicht nähert, nur die Position der Defensive. Hierin liegt einer der Gründe für die dramatische Entwertung der Begriffe von Gestaltung und Design.
Heute sieht es so aus, als hätten viele Gestalter ihre ökonomische, arbeitsteilige, politische und soziale Degradation zu Dekorateuren des technischen Fortschritts nicht nur akzeptiert, sondern, mehr noch, als würden sie mittlerweile selbst glauben, ästhetisches Engagement erschöpfe sich in einer bloßen Vermittlungsleistung: die zu Technik und Technologie konstruierten Erfindungen der Ingenieure in kulturelle Gewohnheiten einzupassen und die Sinne der Konsumenten gegen kumulierende Komplexitäten abzupolstern. Da diese Gewohnheiten nicht mehr auf Uniformen, sondern auf Individualisierung ausgerichtet sind, bleibt den Gestaltern bei ihren Bemühungen um kulturelle Implementierung technischer Innovationen noch genug ästhetische Variationsarbeit übrig, die das Trauma, nicht länger als Schöpfer oder Erfinder neuer Welten zu gelten, wenigstens etwas überspielt.

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