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form+zweck 21
entwerfen

 

Jörg Petruschat | Holger Jahn

Digitale Tools

 

Als die Software menugeführt wurde, begannen auch Designer Computer für den Entwurf zu nutzen. Hinweise darauf, daß der Einsatz von digitalen Technologien dem Design Anpassungsleistungen abzwingen würden, taten viele mit dem Spruch ab, der Computer sei doch nur ein neues Werkzeug. Mittlerweile zeigt sich, daß Rechner nicht bloß irgendwie anders funktionierende Zeichenstifte sind, sondern Tools, die, in Kongruenz zur Globalisierung, den Gestaltern neuartige arbeitsteilige Gefüge bescheren mit neuen Risiken, anderen Verantwortungen, aber auch mit neuen Chancen. Wir sprachen mit Holger Jahn, Inhaber von Jahn-Design Berlin, und seit einiger Zeit Professor am einzigen Fachbereich für Gestaltung im Freistaat Sachsen, über Industriedesign unter den Bedingungen des Outsourcings von Produktionskapazitäten und des Offshorings von Entwicklungsleistungen, sowie über die Optionen, die sich dabei für das Entwerfen ergeben.


form+zweck
Warum sind Rechner für das Entwerfen von Produkten unverzichtbar geworden?

Jahn
Der Einsatz von Rechnern fängt da an, wo es über eine Handskizze hinausgeht. Ich halte es für unnötig im Computer Renderings zu machen, die nur ein schönes Bildchen darstellen. Jemand, der versiert ist in einem 3-D-Tool, kann in derselben Zeit anstelle eines Renderings auch ein 3-D-Modell aufbauen, was der Variantenerzeugung weitaus dienlicher ist. Am Modell kann man auch einschätzen, ob der innere Aufbau, ob in dieser Form ein Package funktioniert.
Digitale Werkzeuge bedeuten für das Entwerfen einen völlig anderen Ansatz. Erst mit guten 3-D-Tools wurde es überhaupt möglich, komplexere Produkte in einer entsprechenden Geschwindigkeit zu entwickeln und sich auch als Gestalter an wirklich komplexe Konstruktionen heranzuwagen. Vorher waren das arbeitsteilig sehr aufwendige Prozesse der Abstimmung. Heute wird erwartet, dass man mit dem inneren Aufbau schon relativ früh in der Entwicklung anfängt und nicht erst eine Hülle macht und die Hülle dann an irgendein Ingenieurbüro liefert und sagt, nun schaut mal, was ihr da hineinbekommt. Die bisher gewohnten Arbeitsweisen kann heute niemand mehr bezahlen und es hat auch niemand mehr Zeit, auf deren Ergebnisse zu warten.

form+zweck
Seit wir die Computer mit ihren komfortablen Layout-Programmen haben, wird von den Grafik-Designern verlangt, eine ganze Kohorte an technischen Prozessen (Satz, Bildbearbeitung, Druckmanagement) mit zu liefern, so dass die Arbeit im Grafikdesign nicht nur kreativer geworden ist, sondern wegen der zahlreichen technischen Routinen auch arbeitsintensiver, anstrengender und in gewissem Sinne auch uninteressanter. Holt das Industriedesign jetzt, fünfzehn Jahre später, derartige Entwicklungen auf seinem Felde nach?

Jahn
Es kommt darauf an, von welchen Produkten wir reden. Bei hochkomplexen Maschinen- und Produktionsanlagen oder Investitionsgüter mag es durchaus so sein, dass es eine Konstruktionsabteilung beim Kunden gibt und ein externes Designbüro und beide in engem Kontakt eine Entwicklung machen. Unternehmen, die weniger komplex strukturiert sind als es bei Spezialmaschinenherstellern oder der Automobilindustrie der Fall ist - also die übergroße Mehrheit der Industrie etwa im Konsumgütersektor mit ihren nun auch nicht gerade niederkomplexen Erzeugnissen - können sich eine Produktentwicklung nach dem klassischen Vorbild nicht mehr leisten. Klassisch heißt: Die Designer machen die Form, die Ingenieure machen die Technik und anschließend sieht man zu, wie alles zusammenpaßt.
So macht ein durchschnittliches Produktdesignbüro heute nicht vielmehr als 20 Prozent seines Umsatzes mit "reiner" Gestaltung. Der Rest sind andere Dinge, die da dran hängen und notwendig sind, um ein Produkt zu entwickeln. Eine derartige Entwicklungsarbeit ist sehr nervenaufreibend. Aber sie bedeutet auch eine Chance zu Innovationen zu kommen, die viel tiefer gehen als das mit einer Arbeit an der "reinen" Form möglich wäre. Selbstverständlich gibt es noch immer Büros, die in erster Linie formal arbeiten, die damit auch ganz gut klar kommen. Auch weil sie Kunden haben, die sagen, o.k. den Rest machen wir. Aber daneben erstarken eben jene Büros, die auch das Kompetenzfeld der Entwicklung mit abdecken, weil die Kundenstruktur das erfordert.

 

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