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form+zweck 21
entwerfen

 

: Timo Meisel

Freelancing in der Post New Economy

 

Zu Zeiten der New Economy und ihrer ungeheuren Nachfrage nach Gestaltung schienen all diese Professionellen einen komfortablen Platz im Berufsfeld zu finden, und es traten fleißig neue Designer auf die Bühne der visuellen Kommunikation: Web, Flash, Multimedia, Interaktion. Das störte niemanden ernsthaft, denn die Auftragsbücher waren voll und die Bezahlung gut. Freelancing war zu dieser Zeit die Berufsform der Wahl. Es konnte auf Stundenbasis gutes Geld verdient werden, man konnte arbeiten, wann man wollte und die Auftraggeber standen Schlange.
Dann platzte Ende 2000 die Blase an den Börsen. Flaute, Insolvenz, Massenentlassungen - viele Firmen sind für immer von der Bildfläche verschwunden. Es ist in der Folge sehr eng geworden auf dem Arbeitsmarkt für Gestalter, und aufgrund dieser Enge herrscht ein angespanntes Klima, in den Agenturen wie auf dem freien Markt.

Von 1995 bis 2003 hat sich der Berufsstand der Designer um 77% vergrößert. Diesen erstaunlichen Zuwachs kann man der Studie »Kulturberufe« entnehmen, einem »statistischen Kurzportrait zu den erwerbstätigen Künstlern, Publizisten, Designern, Architekten und verwandten Berufen« in Deutschland, die 1995 noch insgesamt 60.000 Designer verzeichnet, 2003 schon stattliche 106.000. Zu Zeiten der New Economy und ihrer ungeheuren Nachfrage nach Gestaltung schienen all diese Professionellen einen komfortablen Platz im Berufsfeld zu finden, und es traten fleißig neue Designer auf die Bühne der visuellen Kommunikation: Web, Flash, Multimedia, Interaktion. Das störte niemanden ernsthaft, denn die Auftragsbücher waren voll und die Bezahlung gut. Freelancing war zu dieser Zeit die Berufsform der Wahl. Es konnte auf Stundenbasis gutes Geld verdient werden, man konnte arbeiten, wann man wollte und die Auftraggeber standen Schlange. Dann platzte Ende 2000 die Blase an den Börsen. Flaute, Insolvenz, Massenentlassungen - viele Firmen sind für immer von der Bildfläche verschwunden. Es ist in der Folge sehr eng geworden auf dem Arbeitsmarkt für Gestalter, und aufgrund dieser Enge herrscht ein angespanntes Klima, in den Agenturen wie auf dem freien Markt. In einer solchen Situation ist es schwierig, von einer freien Wahl der Arbeitsform im Grafik-Design zu sprechen. Viele Designer werden zur Zeit schlicht und einfach in die Selbstständigkeit und das Freelancing gedrängt, weil sozialversicherungspflichtige »normale Arbeitsverhältnisse» immer weiter abgebaut werden.

Aber es gibt durchaus eine Fraktion von Designern, die die freiberufliche selbsständige Arbeit aus eigener Motivation wählt und sie trotz der schwierigen Lage der abhängigen Beschäftigung vorzieht. Drei (Vier) dieser Designer werden in den nebenlaufenden Interviews vorgestellt. Bei ihnen sind die romantischen Zerrbilder, die die New Economy generiert hatte, einem schärferen, realistischeren Blick darauf gewichen, was es bedeutet, selbstständig freiberuflich zu arbeiten. Darauf, wo die existenziellen Gefahren liegen, aber auch darauf, was es wert ist, zumindest halbwegs selbstbestimmt und verantwortlich mit der wichtigsten Ressource eines Designers umgehen zu können: der Kreativität. Denn die freiberufliche Arbeit bietet, trotz des über allem schwebenden Damoklesschwerts der Prekarität, immer noch den Vorteil eines zumindest relativen Autonomiegewinns gegenüber den sich verschärfenden Ausbeutungsbedingungen, dem Imperativ des 16-Stunden-Tages, dem Produktionsdruck und der entfremdeten, tayloristischen Gestaltungsarbeit in vielen Agenturen.

Natürlich sind sie und ihre Gestaltungspraxis in zahlreiche und auch schwerwiegende Widersprüche verstrickt. Diese Widersprüche in Bezug auf die eigenen Organisationsformen,

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