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form+zweck 21
entwerfen

 

Simone Hain

Gegen die Diktatur des Auges

 

In den fünfziger Jahren musste der Rasen auf dem Hof der Berliner Kunsthochschule noch mit der Sense geschnitten werden. Obwohl der Hausmeister sich mühte, blieb die Sense immer wieder in der Erde, einmal sogar in einem Baum stecken. Selman Selmanagic kam, wie immer im Flanellanzug, mit weitem Mantel und Hut, dazu. Er sah sich das an, zog den Mantel aus, schob den Hut zurück, sagte »Hast Du nicht gelernt, mit der Hand arbeiten?« und mähte das Stück mit Leichtigkeit und großer Eleganz.
Selmanagic hatte das Hochschulgebäude entworfen und war ebendort Professor für Architektur. Nach dem Studium am Bauhaus und einer Zeit der Wanderschaft durch Länder des Mittelmeeres, machte er sich einen Namen durch seine im Einfluss oft unterschätzte Mitarbeit im Kollektiv ›Berlin plant‹, das viele heute nur noch mit dem Namen ›Scharoun‹ in Verbindung bringen. Man könnte meinen, aus diesen frühen Zeiten sind bestenfalls Anekdoten geblieben. Beginnt man jedoch, sich mit Selmanagic zu beschäftigen, den Geschichten seiner Schüler über ihn zu zuhören, seine Zeichnungen zu lesen, die wenigen, von ihm entworfenen und erhalten gebliebenen Bauwerke genauer anzusehen, gewinnt man nicht nur den Blick auf eine charismatische Persönlichkeit. In allem, was Selmanagic tat, schwingt die Vorstellung von einer Gemeinschaft, in der sich jeder verantwortlich und vorausschauend verhalten kann und muss.

 

Simone Hain, Inhaberin der Gropius-Professur an der Bauhaus-Universität in Weimar, beschreibt in ihrem Aufsatz die Entwurfshaltung eines Architekten, der sich zutiefst dem Ideal der Gemeinschaft verpflichtet fühlte.

 

»Wann wird der Mensch begreifen, dass mit privat überhaupt nichts weiter geht? Alles schlecht verteilt. Klassenkampf ist eben mehr, als die Kapitalisten enteignen. Der Markt muss aus den Köpfen, diese ganzen konservativen Ideen von ›Mein‹ und ›Dein‹ und die stete Verführung über das Auge. Tausend Jahre schon lässt sich der Mensch betrügen, weil er den Kopf nicht einschaltet, bevor er kauft. Wir haben auf den Kopf gesetzt. Das hat uns der Teige aus Prag beigebracht. Grundsätzlich alles in Frage stellen und erst malgründlich untersuchen. Architektur als Umprogrammierung - das war unser Klassenkampf. Die ganzen Unterschiede in der Welt. An welcher Stelle kann man verallgemeinern, wo geht es nicht? Glaub mir, das war oft ein Herumgeschreie, damals am Bauhaus. Die Entwürfe wurden mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet und dann musste man seine Sache verteidigen. Die Meister haben dabei von den Schülern gelernt. Es entstand immer alles in Rede und Widerrede. Da gab es keine Hierarchien an der Schule. Alle wussten was. Wie überhaupt jeder Mensch eine Idee hat und Spezialist für irgend eine Frage ist, zum Beispiel die Putzfrau. Mies hat die Putzfrau einbezogen. Du musst als Architekt nur aufpassen, dass du die Machtfrage nicht aus den Augen verlierst. Du musst in allem Spezialisten befragen. Aber am Ende hast du den Hut auf. Das darfst du dir nicht nehmen lassen. Du musst unterschreiben, dass die Sache gründlich geprüft ist. Natürlich müssen die Raumprogramme vor Ort entwickelt werden, das musst du mit denen dort klären, nur sie können dir sagen, wie sie das haben wollen. Nicht die im Ministerium. Hast du das Programm, hast du die halbe Architektur.« (Kompilation aus aufgezeichneten Gesprächen zwischen Selman Selmanagic und Siegfried Zoels durch die Autorin.)

 

Tischler, Architekt und Revolutionär
Als Selman Selmanagic Ende der siebziger Jahre den Vaterländischen Verdienstorden der DDR in Gold erhielt, hatte der antragstellende Kulturminister das mit umfassenden »revolutionären, künstlerischen und pädagogischen Verdiensten«begründet. Für Selmanagic, der den gesunden Menschenverstand zur wichtigsten Gestaltungsgrundlage erhoben hatte und selber ohne Schnörkel sprach, sind die einfachsten Worte die besten: »Seine Arbeit hat Geschichte gemacht und orientierte auf allen Gebieten auf eine kommunistische Zukunft«. Was ihn vor seinen Fachkollegen auszeichnete, was ihn in der DDR-Architekturgeschichte gar zur Ausnahmeerscheinung werden ließ, ist sein unideologischer Radikalismus, seine geistige Unabhängigkeit und sein impulsiver Widerspruchsgeist. Selmanagic war ein Architekt mit revolutionären Ideen, er strebte beharrlich nach Kooperationen mit den Nutzern und den beteiligten Gewerken und erklärte Gestaltung zu einer Angelegenheit, über die grundsätzlich jeder kompetent mitreden könne - und müsse. Das sprengte nicht allein das bürgerliche Selbstverständnis, sondern war auch ein Kontrastprogramm zu den staatlich hoch dotierten Meisterarchitekten und Industrialisierungstechnokraten an der deutschen Bauakademie, denen Stefan Heymund Brigitte Reimann literarische Denkmale gesetzt haben. Er stand in dem hohen Ansehen, ganz und gar ein Bauhäusler zu sein und lebte seinen Studenten einen unkompromittierbaren Kommunismus vor - er war KPD-Mitglied seit 1930 -, den selbst Gegner nur bewundern konnten. Als Problematisierer blieb Selmanagic - in Weißensee ohnehin peripher zum bau- und designpolitischen Hauptgeschehen - eine Herausforderung für alle, die sich irgendwann angekommen wähnten. Von seiner künstlerischen Prägekraft zeugen vor allem die Möbel, die in einem umfassenden Sinne unausweichlich waren und über vier Jahrzehnte das semantische System der DDR wesentlich mitbestimmten. Allen Widerständen zum Trotz hat er als Hausarchitekt der Hellerauer Werkstätten den sächsischen Traditionsbetriebgemeinsam mit Franz Ehrlich langfristig zur- ebenso Beispiel gebenden wie massenhaft angenommenen -ästhetischen Instanz der ostdeutschen Moderne gemacht. Als kaum bewusst gemachter Gruß vom Bauhaus zogen seine Möbel zur Wende der fünfziger Jahre in fast jede Wohnung ein. Auch gibt es wohl keinen Studenten in dieser Zeit, der nicht irgendwann einmal auf einem Selmanagic-Seminarstuhl gesessen hätte und kaum ein Forschungsinstitut, das nicht mit der markanten Chefzimmergarnitur des Architekten ausgestattet gewesen wäre.

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