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form+zweck 21
entwerfen

 

: Chup Friemert | Glen Oliver Löw

Think

 

In Europa werden Anerkennungen fürs Design meist aus der Zusammenarbeit von Designern mit kleineren, personengeführten Unternehmen gewonnen. Selten werden Designleistungen großer Firmen so ausgezeichnet, dass Unternehmen und Designer gleichermaßen partizipieren. In den USA ist dies anders. Glenn Oliver Löw, dessen ... mittlerweile im Moma stehen, hat 19... ein Angebot von Steelcase angenommen und "Think!" entworfen - einen Bürostuhl mit neun Patenten und mittlerweile mehreren internationalen Auszeichnungen. Die Firma möchte mit dieser Entwicklung als ausgesprochen designorientiertes Unternehmen am Markt auftreten. Chup Friemert zeichnet das Zueinander und Miteinander von ingenieurstechnischen Leistungen und Designentwicklungen nach und stellt dabei heraus, wie das Neuartige an einem Produkt entsteht, das weltweit verkauft werden soll.


„Ein Jahr nachdem ich angefangen habe für Steelcase zu arbeiten, ist der Designchef gefeuert worden und zudem war grade die Börsenkrise. Da stand mein Projekt auf der Kippe. Es war zum Glück schon so weit fortgeschritten, dass es genug Fürsprecher gab, die sagten: wenn die Ökonomie wieder umdreht, dann brauchen wir genau ein solches Produkt, das preisgünstig ist und trotzdem einen hohen Designanspruch repräsentiert." (G. O. Löw)


Steelcase, der größte Büromöbelhersteller der Welt, ist nicht führend im Design und hat sich bisher nicht als designorientierte Firma etabliert. Das Unternehmen operierte seit Jahrzehnten recht gut mit funktionalen und robusten Produkten, die lange halten und zu reparieren sind. Dabei muß ein robuster Gebrauchswert einem designorientierten nicht grundsätzlich widersprechen.
Für die Firma Steelcase bedeutete die Orientierung auf das Design zunächst die Bereitstellung zusätzlicher Gelder für externe Entwicklungen sowie die Einstellung eines Designverantwortlichen, der innerhalb der Firmenhierarchie eine hohe Stelle einnimmt. Bei Steelcase war er im Vorstand. Um nun seinerseits Kompetenz zu beweisen, muss der Designverantwortliche anerkannte Designer heranziehen: Auf seinen Vorschlag hin entwickelte ein ehemaliger Mitarbeiter von Eames zunächst einen Konferenzstuhl. Zur Festigung dieser designorientierten Strategie suchte er für weitere Entwicklungen Designer in Europa, genauer in Mailand. So traf er auf Glen Oliver Löw, der als Entwerfer von Bürostühlen für führende designorientierte Firmen weltweit einen sehr guten Namen hat. Zudem ist Löw eingeordnet in das, was als deutsches Design wahrgenommen wird, in ein Design, von dem viele meinen, es ließe sich weltweit am besten verkaufen, weil es auf Rationalität beruht und weniger auf formalen Vorlieben oder auf dem, was man die Handschrift eines Designers nennt.

Soll heutzutage ein neuer Bürostuhl auf dem globalen Markt von Steelcase erfolgreich sein, dann muss die ästhetische Erscheinung einen sozialen Code bedienen, der global verstanden wird. Mehr noch: Er muss in die unterschiedlichen Codes der sozialen Hierarchien eingebaut werden können - die ästhetische Erscheinung muss also unabweisbar den Kern eines universalen Codes treffen.

Der Kern des universalen Codes aller industriell erzeugten Waren ist: Komme neuartig daher, sei neu, erscheine auf keinen Fall alt! Bei einem Bürostuhl helfen Farben, Materialien, Volumina, diesen ästhetischen Imperativ zu unterstützen. Aber eine Unterstützung ist eben immer sekundär und so können derartige Erscheinungsmerkmale nicht zum Kern des Neuartigen vorstoßen. Das Neuartige in diesem Feld ist nämlich nicht das Modische, das in jenen unterstützenden sekundären Erscheinungsmerkmalen zu Hause ist, das Neuartige ist generell und unstrittig dem Feld der Technik zugehörig. Nur dort ist das Neue das einzig Anerkannte. Anders ausgedrückt: will etwas, das nicht Kunst sein kann, weil es nicht bloß angeschaut, sondern weil auf ihm gesessen werden soll, modern und neu erscheinen, so muss es eine technische Innovation nicht bloß suggerieren, sondern auch tatsächlich haben und vorweisen können.
Hier kommt die Designarbeit ins Spiel.


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