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form+zweck 22
Die Fühlbarkeit des Digitalen

: Jörg Petruschat
Editorial


Als wir vor knapp einem Jahr mit der Erarbeitung des Themas begannen, war der Begriff der »Tangible User Interfaces« hier in Deutschland nur denen bekannt, die auf diesem Gebiet arbeiteten. Heute, ein Jahr später, wollen jene den Begriff nur noch begrenzt gelten lassen, obwohl er sich rasch überall herumgesprochen hat.

Viele Der einstigen Protagonisten empfinden ihn heute als eine Einschränkung oder verabschieden ihn. Statt von »interface« sprechen sie lieber von »interaction«. Wir freuen uns über diese Entwicklung. Sie zeigt, dass Menschen nicht bloß in die Lage versetzt werden sollen, auf komfortable Art Maschinen – wie es im Deutschen so verräterisch heißt − »zu bedienen«, sondern dass es immer stärker darum geht, Maschinen so zu konstruieren, dass sie uns etwas anbieten, mti dem wir unsere eigenen Möglichkeiten erkunden können.

Der Begriff des »interfaces« ist noch auf die alte Idee gestellt, Maschinen seien Prothesen, die unsere Fähigkeiten verstärken und verlängern. Seit derartige Prothesen jedoch nicht mehr an uns hängen, sondern wir an ihnen, wird einiges Engagement darin gesteckt, unsere Anpassung an sie komfortabel zu gestalten. Der Begriff des interfaces bezeichnete ja ursprünglich die Verbindungsstelle zweier Maschinensprachen. Über diese mechanistischen Vorstellungen von Menschen, die Maschinen gleichen sollen, reicht der interaktionistische Horizont hinaus. In ihm erscheinen Maschinen als autonome, man ist versucht zu sagen: eigensinnige Komplexe. Sie sind oft ohne unsere Veranlassung in Bewegung oder sie stehen uns einfach bei, Aber sie sind uns weder untertan noch bezeugen sie unsere Originalität. Wir können sie nicht »benutzen«. Wenn wir etwas von ihnen wollen, müssen wir warten, ob sie uns verstanden haben und was sie uns antworten. Sie bewerten unser Verhalten durch Zu- und Abwendungen und reagieren nach Regeln, die nicht unser, sondern ihr Funktionieren sichern sollen.

Diese maschinelle Logik der Selbsterhaltung ist uns ungewohnt. Und hier beginnt das Problem der Gestaltung unserer Beziehungen zu ihnen: Wenn wir auf Gewohnheiten setzen, dann entgehen uns all die unbekannten Möglichkeiten, welche die Maschinen für uns bereit halten und die uns bereichern und ins Ungewohnte führen könnten. Setzen wir auf das Moment der Fremdheit maschineller Intelligenz, dann bleiben sie uns unverständlich und wir wenden uns von ihnen ab. Vielleicht aber ist diese Polarität von Redundanz und Unverständlichkeit ebenso wie der wenig originelle Mittelweg, den sie uns nahe legt, auch bloß ein Überbleibsel eines alten Denkens?

Vielleicht sollte das interaktionistische Konzept nicht davon ausgehen, dass Menschen sich mit Maschinen bekannt machen müssen, um sie zu beherrschen, sondern dass ihnen die Möglichkeit eröffnet wird, sie kennen zu leren. Die Maschinen, von denen ich hier spreche, sind keine Prostituierten, die in Schaufenstern sitzen und mit denen Männer sich zu machen wünschen, was tribegelenkte Phantasie ihnen erlaubt, sich vorzustellen.

»Kennen lernen« ist ein Vorgang der Gegenseitigkeit, ein Vorgang,der auf vielen Ebenen abläuft, der auf Ritualen beruht, aber auch auf Überraschungen, bei dem Berührungen so wichtig sind wie ein Lächeln, also die Rückkopplung und Resonanz im retinalen Raum, die der gesamten Situation eine Gestimmtheit gibt.


Wir haben Johann Habakuk Israel, der am Institut für virtuelle Produktionssysteme in Berlin, Forschungen zum Entwerfen mit digitalen Technologien betreibt, gebeten gemeinsam mit uns eine Runde von Autoren zu versammeln, die als Informatiker, Designer, Geisteswissenschaftler, Konstrukteure, Künstler und Bastler an der Steuerung von digitalen Technologien interessiert und tätig sind und die es sich zum Ziel gesetzt haben, dabei auf wortsprachliche Befehlskaskaden zu verzichten. Israel traf viele von ihnen erstmalig auf der TEI 2007 in Palo Aalto. Im Mai 2007 veranstaltete form+zweck ein viel beachtetes Panel in Berlin. Das Thema: Was ist das Besondre und Unersetzbare, das sinnlich geführte Benutzerschnittstellen in das Verhältnis von Mensch und Maschine einbringen?


Im nun vorliegenden Heft sind einige, die an diesem ermutigenden Panel teilnahmen, mit ihren Positionen vertreten. Und wir baten weitere hinzu. Uns geht es darum, den Entwicklungsprozess von "Tangible and Embodied Interaction", von sinnlich geführter und verkörperter Interaktion, der in einer explosionsartigen Geschwindigkeit verläuft, theoretisch zu reflektieren. Das vorliegende Heft unterbreitet Angebote, den gerade einsetzenden Diskurs thematisch zu strukturieren, Forschungsfelder zu benennen, Möglichkeiten einer fachübergreifenden Zusammenarbeit zu offerieren.
Wir sind froh, dass es uns gelungen ist, Autoren in diesem Heft zu Wort kommen zu lassen, die im Augenblick an der vordersten Front die Entwicklung mitbestimmen - aber wer, der auf diesem Gebiet arbeitet, tut dies nicht?