s_fz2_3klein.jpg

 

form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

Heiko Schiller

Badeanstalten

 

Ein »schwimmendes Hotel« kann ein Verhängnis sein. Als Gestaltungsaufgabe hört es sich sehr unschuldig an: Mit dem Boot anlegen, um Kaffee zu trinken, ein paar Tage Urlaub machen oder eben jene Besprechungen abhalten, die ein außerstädtisches Ambiente brauchen - wie schön: mitten auf dem Wasser.
Bevor er repräsentativ-technoide Negativaquarien in die Seenlandschaft knallte, wollte Heiko Schiller etwas erfahren über den Zusammenhang von Erholung und Gewässern. Er fand die Geschichte der Berliner Badeanstalten. Seit fast zweihundert Jahren gibt es sie; zuerst wild, dann, unabhängig vom Bodenrecht des Flußufers, wurden die ersten inmitten des Wassers gebaut. Die Gestaltung war sparsam, selbstverständlich, kein gesuchter Gegensatz zur Natur. Unbewußt waren diese ersten Lösungen in der Gewässermitte solche, die das Ufer schonten.

Der ungebremste Fortschrittseifer unserer Altvorderen hat dazu geführt, daß die Wege zu Orten der Erholung immer weiter werden. »Am schönsten ist es überall dort, wo noch nicht gebaut worden ist.« sagte der Baumeister Heinrich Tessenow.
Das freie Baden war in Preußen schon immer verboten.
Mit dem Entstehen der modernen Industriestädte Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch das Bedürfnis nach Erholung konzentriert und massenhaft. Die engen Wohnverhältnisse der Proletarier, Arbeitszeiten bis zu zwölf Stunden oder aber Arbeitslosigkeit ließen wenig Spielraum bei der Suche nach Plätzen der Erholung.
In Berlin boten sich die natürlichen Wasserläufe und deren Umgebung zur Erholung in der Nähe von Wohn- und Arbeitsplatz an. Baden als ein selbstverständliches Element der Körperpflege mußte jedoch erst neu in Erinnerung gebracht werden. Am Ende des 19. Jahrhunderts haftete dem Baden ohne medizinische Begründung etwas Anstößiges an. Die Industrialisierung begünstigte rationelle und ökonomisch orientierte Formen und Anschauungen im Umgang mit Erholungsbedürfnissen. Den geistigen Hintergrund dafür, das Baden als eine Form elementarer Regeneration wiederzugewinnen, hatte die Aufklärung geliefert: Ärzte verordneten Bäderkuren, fortschrittliche Pädagogen integrierten Leibesübungen wie Schwimmen sowie Körperpflege in ihre Erziehungskonzepte.
Allerdings war das freie Baden in Preußen schon immer verboten. Mit dem Schaffen einer Institution, der Badeanstalt, konnte es legitimiert werden. Aber auch »praktische« Gründe, etwa Standort- und Eigentumsbedingungen der städtischen Uferzonen, Schiffsverkehr, Badeunfälle und moralische Auffassungen, machten eine spezielle Bade-Einrichtung plausibel.

Die ersten Berliner Flußbadeanstalten
Die erste öffentliche Badeanstalt in Berlin wurde 1803 mit dem Welperschen Badeschiff an der Kurfürstenbrücke in der Spree installiert. Dieser Privatinitiative folgten 1811 die Pädagogen Palm und Friesen, indem sie die Badeanstalt an der heutigen Kronprinzenbrücke zum Zwecke der Leibesertüchtigung gründeten.
General von Pfuel, der wahrscheinlich das Brustschwimmen erfunden und den Schwimmsport insgesamt popularisiert hatte, verfolgte mit der Militärunterrichts- und Schwimmanstalt in der Köpenicker Straße 12 ein ähnliches Ziel. Die Pfuelsche Badeanstalt, auch für Zivilisten und Schüler zugänglich, wirkte typenbildend für Berliner Flußbadeanstalten. Sie war auf Pfählen gegründet und besaß ein von allen Seiten umschlossenes Wasserbecken. Dies war der Moralauffassung der Zeit geschuldet, Blicke von außen auf das »Badetreiben« zu verhindern.
Heute erscheint diese Form einer Einrichtung zum Zwecke der Naherholung aus anderen Gründen exemplarisch, wurde doch die ökologisch weniger sensible Gewässermitte belastet, die einfache Pfahlbauweise gestattete ein zurückhaltendes Einordnen des Baukörpers in die (städtische) Flußlandschaft.
Ein weiteres Privatunternehmen dieser Art war die 1825 errichtete Pochhammersche Badeanstalt, die sich an der Stralauer Brücke befand.
1826 unternahm ein Schulvorsteher den ersten (vergeblichen) Versuch, Gelder der Stadt für den Bau einer öffentlichen Badeanstalt zu erhalten. Erst 1850 stimmten die Stadtverordneten dem Bau der ersten städtischen Flußbadeanstalt und damit der Förderung des Badens als einer kommunalen Aufgabe zu. Diese Badeanstalt in Form eines in der Nähe der Waisenbrücke aufgestellten Badeprahms, d. h. eines flachen, durch Feldsteine ausgleichend stabilisierten Schwimmkörpers, stand Männern zur kostenlosen Benutzung zur Verfügung. In den Folgejahren setzte sich diese Entwicklung mit neueröffneten Badeanstalten in der Burgstraße, an der Stadtschleuse hinter den Werderschen Mühlen sowie am Nordhafen des Berlin-Spandauer Schiffahrtskanals durch, »nachdem der Mangel an öffentlichen Badeanstalten fühlbar geworden ist«, wozu sicher auch die politischen Ereignisse von 1848 beigetragen haben.
Eine links-liberale Mehrheit in der Berliner Stadtverordnetenversammlung ermöglichte ab 1862 eine programmatische soziale Innenpolitik. So konnten 1863 und 1865 die ersten Badeanstalten für Frauen in Betrieb genommen werden.

... lesen Sie weiter in form+zweck 2+3: Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR ...