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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

 

Ariane Benhidjeb

»Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare,

 

Im Grenzbereich von Kleid und Kunstwerk ist mein Thema das Experiment Kleid. Die Rede ist von Modellen, Modell-Kleidern - Unikaten der Haute Couture zum einen, Prototypen für die Konfektion (Prêt-à-porter) zum anderen. Ihre Funktion - Kommunikation, Animation, Information über den neuen Trend, die neue Mode. Ihre Plattform - die Bühne oder der Laufsteg. Diese Kleider sollen Zeichen sein, Signale. Sie sind meist ›überzogen‹ in Form, Farbe, Material... Der Übergang in das Warensortiment der Kaufhäuser findet letztlich nur sehr vermittelt statt. Es ist eher das Widersprüchliche, das sie auszeichnet. Ihre internationale Präsentation regt zu Diskussionen an, löst Irritationen aus, provoziert die einen und begeistert die anderen: »Die Form wird hier für sich selbst kultiviert, wird Erkennungszeichen, wird Parole, wird Symbol. Vor allem muß sie unterscheidender Natur sein, daher die Tendenz zur blinden Beibehaltung oder zur Originalität um jeden Preis.« (Victor Papaneck) Es geht weniger um Repräsentation, als um Kommunikation. Nicht der Glanz von Harmonie liegt über diesen Kleid-Gebilden, sondern eine Art von Unruhe, die Spannungen erzeugt, auch vermittelt durch den Eindruck des Unfertigen, des Zufälligen. Die Mode nähert sich hier der Kunst. Der Nutzen dieser Kleider ist in erster Linie ideeller Natur. Ihr Adressat ist der Betrachter.

Wie, warum entwirft man diese Mode? Wo kommen die Ideen, die Phantasien her, wodurch erlangen sie ihre Prägekraft, ihren Leitbildcharakter, was haben sie mit dem zu tun, was man den Zeitgeist nennt? Zwei exemplarische Vertreter von Haute Couture und Prêt-à-Porter, Jean Paul Gaultier und Jean-Charles de Castelbajac, beide Franzosen, waren Anlaß diesen Fragen nachzugehen. Obwohl mittendrin im Exklusiven, stehen beide andererseits für etwas, das man, einen Ausspruch von Jean-Francois Lyotard abwandelnd, als ›nicht-mehr-schöne-Mode‹ bezeichnen könnte. ›Nicht-mehr-schön‹ bezogen auf einen Schönheitsbegriff im Sinne von Harmonie, Ganzheit, Einklang.
Castelbajac gestaltete bereits in den 60er Jahren Kleider, die insbesondere durch das ausgewählte Material, demonstrativ auf die sinnhaft/sinnliche Erlebbarkeit verwiesen und den Betrachter damit konfrontierten wie eintönig und eindimensional die Wahrnehmung durch die Massenmedien strukturiert wird. In den 80er Jahren war es Jean Paul Gaultier, der auf eine ganz andere Art, in geradezu kindlich verspielter Weise den, ›das Neue‹ erwartenden Betrachter verspottete und mit der Unzulänglichkeit gängiger Bewertungskriterien konfrontierte. Gaultier wählte aus, machte vor, was man mit den bereits massenhaft vorhandenen Produkten/Kleidern/Kleidelementen (eigentlich noch alles) machen kann. Im Kontext der Postmoderne erscheint die Auseinandersetzung mit der Mode als eine Sache von viel größerer Bedeutung als man gewöhnlich anzunehmen bereit war: die ästhetische Gestaltung des Kleides erscheint als Modellsphäre für Veränderungen auf der Ebene des Denkens, der ›Geisteshaltung‹.

 

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