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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

 

Reinhard Kranz

»Design, das ist Machen«

 

Noch einmal DDR: das ist das Anschauen nun einheitsdeutscher Vergangenheit. Ein uns wichtiger Beitrag ist nicht geglückt: der zweite Teil des Gespräches mit Martin Kelm. Er gab Aufschluß über die Verflechtung seiner Biographie mit der in der DDR praktizierten amtsstaatlichen Designpolitik. Doch die Bereitschaft, offen über den eigenen Weg zu berichten und sich kritischen Fragen zu stellen, dauerte nur einen kurzen Moment der Verunsicherung. Martin Kelm, bis auf den Tag seiner Berentung als erster Berater des Auflösers des Amtes für industrielle Formgestaltung angestellt, verweigerte den Abdruck.

Die Beiträge zum Thema sind Abspann zur DDR-Designszene, diesem Gemisch von plantreuer Bürokratie, Es-muß-doch-was-zu-machen-sein-

Mentalität, Karrierismus und Gespür für die Alltäglichkeit der kleinen dinglichen Sorgen und Nöte. Was davon dann im realsatirischen Leben ankam, wurde hingenommen mit jenem loddrigen Großmut, den nur der kennt, der schon einmal in einem sozialistischen Kollektiv gearbeitet hat.

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Hast Du in der Wendezeit - oder kurz danach - bereut, Designer geworden zu sein?


Kranz

Nein, eindeutig nicht. Ich bin ein Mensch, der sehr in die Zukunft orientiert ist, ich lebe von Visionen. Und jeder Abschied von Dingen und jedes Sterben von Strukturen und Verhältnissen hat immer wieder die Chance einer Neuorientierung. Was jetzt passiert, ist wohl die gigantischste Neuorientierung, die in der Geschichte der Menschheit je stattgefunden hat, wenn man die Datenmengen nimmt. Daß Völkerstämme irgendwo mal 'rüber und 'nüber geschleudert wurden und durcheinandergeraten sind, sind eher persönliche Schicksale. Aber was jetzt an Strukturen und Kommunikationen, an informationellen und funktionellen Verhältnissen durcheinanderkommt und neuorientiert wird, hat es wahrscheinlich in der Geschichte noch nicht gegeben und insofern ist es also eine der spannendsten Zeiten für mich. Auch eine der Zeiten, von denen ich glaube, daß sie kreativen Leuten unerhörte Chancen bieten und auch diesem Lande letztendlich eine Zukunft bescheren werden, die mit nichts vergleichbar ist, weil hier aus dem Stand etwas gemacht wird, wo andre zwanzig Jahre gebraucht haben. Hier läuft eine gigantische Investitionsmechanerie an einem Standort, der dadurch gekennzeichnet ist, daß schon immer aus allen Himmelsrichtungen intelligente Produkte und Erzeugnisse durchgeschleust, verarbeitet und auch verbessert wurden. Hinzu kommt, daß wir hier ein Völkchen von äußerst gebildeten und qualifizierten Leuten sind. Nicht immer auf dem höchsten Stand, aber wir sind es. Was fehlt an High-Tech, an Wissen über neue Technologien, können sich diese Leute relativ schnell aneignen. Hier, an dieser Nord-Süd-West-Ost-Drehscheibe ist also ein Potential versammelt, was - und das höre ich auch von Investoren, die von anderswo herkommen - einmalig ist.

Das Ganze macht mich als Designer sehr hoffnungsvoll, obwohl ich die Probleme meiner Berufskollegen sehe. Ich habe die nicht, ich habe so viel zu tun, wie noch nie. Ich glaube, ich war schon damals im Osten einer der Vielarbeiter. Jetzt hat das ein Maß angenommen, daß ich mich manchmal frage, wo ist die Grenze deiner physischen Möglichkeiten. Ich fahre im Monat fünf-, sechs-, siebentausend Kilometer quer durchs Land, nur um mit den verschiednen Auftraggebern alles in die Reihe zu kriegen. Die Innovation läuft jetzt noch von der anderen Seite, dort sitzen die Firmen, die das strecken; und die sich letztendlich hier etablieren werden. Die ganzen Intelligenzträger, Informationsbanken, die Aufgaben, Aufträge und die Gelder sind dort. Das heißt, wenn einer hier etwas machen will, dann muß er eben dort anknüpfen. Ich will nicht sagen, in die Lehre gehen - weil das wie früher hieße, daß man da hinzieht und da ein paar Jahre macht, dann wiederkommt und hier gründet. Das ist heute anders. Man muß eigentlich ständig dort auftanken - inhaltlich - und versuchen hier etwas zu machen. Und da ist es immer gut, wenn hier etwas abfällt außer Steuern, daß hier Dinge entstehen, die die Leute brauchen.


form+zweck

Das hört sich an, als ginge es um Produkte, um den klassischen, gegenstandsbezogenen Designentwurf. Ich dachte, ihr arbeitet im räumlichen, infrastrukturellen Bereich und habt dort Chancen, weil Design für Finalproduktion vollständig besetzt ist...


Kranz

Wir haben jetzt auf der Kölner GAFA - das ist so eine große Gartenfachmesse - einen Boden-Bio-Dämpfer vorgestellt und in unserer neuen Agentur ein Prospekt dazu gemacht. Man kann damit den Boden dämpfen - eigentlich ein altes, traditionelles Verfahren, so alt wie die Dampfmaschine. Man kann damit nicht nur Viehfutter garen, sondern auch Böden sterilisieren, für junge Saaten etwa, ohne den Einsatz von Chemie. Man kann also damit die chemische Keule im Garten ersetzen.

 

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