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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

 

Silke Rothkirch

Die letzten hundert Tage der Kaufhalle

 

Die Abbildungen sind Bestandteil meines Projektes »Die Kaufhalle«: Die Idee dazu entstand im November 1989, unmittelbar nach der Öffnung der Mauer. Die Vermutung, gewohnte Bilder und unbefragte Abläufe bald als museale Fakten wiederzufinden, hatte mich dazu bewogen, anhand der komplexen und für DDR-Leben typischen Institution »Kaufhalle« eine Bestandsaufnahme vorzunehmen. Ich versuchte, die Kaufhalle unter verschiedenen Gesichtspunkten zu beschreiben und gleichzeitig gegenständliche Indizien zu sammeln, Indizien der ästhetischen Identität eines Stücks Alltagskultur der DDR.

Die Kaufhalle widerspiegelte die wesentlichen Züge des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses der DDR. In der sozialistischen Planwirtschaft wurde »planmäßig versorgt«. Versorgung ist hierbei anzusiedeln zwischen Verteilung, die durch Mangel diktiert ist sowie Angeboten, aus denen nach eigenen Möglichkeiten und relativ eigenem Ermessen auszuwählen ist. In der Versorgungswirtschaft, deren primäres Ziel der Verkauf nicht ist, politische Strukturen und materielle Voraussetzungen jedoch nicht so beschaffen sind, den Reproduktionsprozeß ausgeglichen zu gestalten, liegt das Primat im Bereich der Produktion. Verkauf und Gebrauch bzw. deren konkrete Realisation waren untergeordnete Kennziffern, die die Produktion nicht wirklich korrellierten. Kernwörter der zentralen, bis RGW-weiten Planung waren Effektivität, Optimierung, Rationalisierung. Das hierfür notwendige Stimulans sollten die staatlichen Auflagen zur Planerfüllung, der sozialistische Wettbewerb sowie ganz allgemein ein hohes gesellschaftliches Ethos sein. Diese Planungsgrundsätze wurden im wesentlichen in den sechziger Jahren erstellt und bis zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion im Juli 1990 nur unwesentlich modifiziert.

Der Gesamteindruck, den die Kaufhalle vermittelte, war durch Kontinuität und Reizarmut bestimmt. Als lokal wenig differenziertes Gebäude, meist mit relativ großzügigem Umfeld und geräumigem Innenraum, erlaubte die Kaufhalle den Einkaufenden schnelle Übersicht und Selbstbedienung. Ausstattung und Sortiment waren standardisiert und zum Teil über Jahre hinweg konstant. Das Sortiment war eindimensional (pro Artikel nur ein Fabrikat erhältlich) und damit sehr anfällig hinsichtlich auftretender Lücken. Präsentation und Reklame waren nicht produkt- oder herstellerbezogen. Da nur auf Hauptgruppen von Waren hinweisend, die sich an einem festgelegten Platz befanden, bestand die Notwendigkeit einer häufigen und aufwendigen Aktualisierung nicht.

Die Institution »Kaufhalle« als eine Form der Vergesellschaftung des Handels fand ihren ästhetischen Ausdruck in bestimmten Gestaltqualitäten.

 

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