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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

Irmgard Schultz

Ich habe Müll gemischt

 

form+zweck
Ökologie, Recycling, Abfallvermeidung - viele Designer fragen sich, was ihr Berufsstand in diesem Bereich tun kann. Die Antworten fallen sehr verschieden aus: entweder sie kommen zu dem Ergebnis, Ihren Beruf besser nicht mehr auszuüben oder aber sie entwerfen ein neues Produkt - ganz ökologisch, ganz abfallarm, aus recyceltem Material oder recycelfähig. Oft entstehen diese Entwürfe ohne Untersuchung und Problematisierung des jeweiligen Gebrauchszusammenhanges und damit wäre die Kompetenz des Designers wohl auch überfrachtet. Du hast zusammen mit Monika Weiland eine Studie zum Thema Frauen und Müll erarbeitet - ein sehr spezielles Thema, das auf den ersten Blick etwas abwegig aussieht. Doch seid ihr durch Analysen und Befragungen einigen Klischees auf die Schliche gekommen.
Ihr sprecht von Frauen- und von Männermüll - wie seid ihr darauf gekommen?

Schultz
Die Studie hat noch einen Untertitel, die heißt "Frauen als Handelnde in der kommunalen Abfallwirtschaft" und ist im Auftrag des Frauen- und Gesundheitsdezernats der Stadt Frankfurt erstellt worden. Das heißt, die Studie ist zugeschnitten auf Vorschläge direkt fürs Frauendezernat und auf kommunale Umsetzungskonzepte. Ich erklär was zum Aufbau, das erklärt wie wir zu Frauen- und Männermüll gekommen sind. Im ersten und zweiten Teil setzten wir uns mit vorhandenen Argumentationen und Positionen zur Müllproblematik auseinander:
1. aus der Perspektive der Frauen, der Frauenbewegung. Da gibt es sehr stark durch den Atomunfall in Tschernobyl ausgelöst eine Ökodiskussion seit 1986. Es gab einen großen Kongreß in Köln mit 2000 Frauen im Herbst 86 zum Thema "Frauen und Ökologie". Dort zeichnete sich eine Polarisierung ab: auf der einen Seite die Position "Wir Frauen müssen es jetzt in die Hand nehmen! Wir Frauen sind verantwortlich für die Ökologie!" Und die andere Position "Nein. Das bringt nur Mehrarbeit. Lehnen wir wegen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung ab."
2. gehen wir darauf ein, daß wir diese Positionen mit den herrschenden Lebensformen konfrontieren. Was ist zu diesen beiden Positionen zu sagen? Wir haben dazu Frauen gefragt und zwar akademische Frauen in so genannten Frauen-und-Müll-Runden in Frankfurt, nichtakademische in Erwerbslosen-Initiativen in Köln, Abfallberaterinnen und Frauen aus dem "besseren Müllkonzept" in Bayern ... Wir haben festgestellt, daß die eine Position, die sagt Mehrarbeit - und das heißt auch Müll bringt nur mehr Müllmehrarbeit - in unseren Überprüfungen eigentlich von den befragten Frauen nicht vertreten wurde. Die sagen, ja es bringt Mehrarbeit, aber wenn es sinnvoll ist, dann sind wir bereit, sie auch auf uns zu nehmen und zwar aus zwei Gründen: erstens, es bleibt immer an uns hängen, wegen der Gesundheitsverantwortung. Und zweitens, uns stinkt die Ex-und Hopp-Wirtschaft - auch junge Frauen haben offensichtlich immer noch so etwas wie eine Subsistenzperspektive, eine Qualitätsorientierung. Sie scheuen sich, etwas wertvolles wegzuwerfen oder ein gutes Kleidungsstück einfach in den Müll zu tun.
Die andere Position, die sagt, Konsummacht in Frauenhand, Frauen haben den Hebel, weil sie das Haushaltsgeld haben - was sagt denn die Konsumforschung dazu? Und dadurch sind wir zu Männermüll und Frauenmüll gekommen. Die Konsumforschung sagt, die Frauen haben a) weniger Geld in der Hand als die Männer und b) nur für bestimmte Konsumbereiche, nämlich für Nahrungsmittel, Kleidung, Wohnung und die vielen immer wieder in der Abfallberatung bemühten Putzmittel. Frauen haben sogut wie keine Entscheidung über Autos. Das war was ganz Interessantes. Elektronik, Freizeit, Bastelmaterial, all die giftintensiven Müllfraktionen, die Verpackungsaufwendigen, die Stereogeräte in Styropor, vieles aus dem Baumarkt, die Umstellung von Fensterrahmen aus Holz auf Kunststoff, damit der Mann nicht alle drei Jahre die Fenster neu streichen muß, was bei Holz nötig wär. Aber: hoher Kadmiumgehalt erst im Fensterrahmen, dann im Müll. Dieses ganze Problem taucht nicht auf. Wir wehren uns gegen die Müllmoralisierung, durch die alle Verantwortung immer die Frauen trifft. Deswegen die zentrale Forderung, die Verantwortung der Männer für den Müll sichtbar zu machen, hörbar zu machen. Zum Beispiel das Auto: es ist doch absurd, daß Autolackierungsverfahren, wie Erika Mink nachgewiesen hat, nicht angewendet werden, obwohl sie unter Schadstoffgesichtspunkten wie Mengengesichtspunkten sehr abfallminimierend wären, nur weil dies nicht eine glatte Oberfläche, sondern Orangenhaut auf der Kühlerhaube macht. Es hat etwas damit zu tun, daß Produkte nicht nur Gebrauchswert haben, sondern symbolisch besetzt sind. Mit jedem Produkt wird auch ein Stück Männlichkeit, ein Stück Weiblichkeit gekauft.

 

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