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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

 

Marion Maier

Ich liebe Berlin nicht

 

»Ich habe Erfolg, aber keine Wirkung«, stellt Kurt Tucholsky bereits 1923 fest. Anfang der 20er Jahre schreibt er in der Hoffnung, daß sich nach dem Erlebnis der Zeitenwende, nach dem Fall der Monarchie und nach den Grausamkeiten des Krieges, nach der Revolution in dieser Republik etwas entwickeln wird, das er bejahen kann. Er glaubt sich im Einverständnis mit den »Massen« (was wäre Tucholsky ohne sein Publikum?) und schreibt gegen alles, was restaurativ gegen Frieden, Demokratie und Freiheit wirkt, er schreibt gegen Monarchie und Militarismus, gegen Klerus und Heuchelei, gegen eine korrupte Justiz und gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus. Er schreibt und verläßt sich auf den Zauber des Wortes.
Nach sechs Jahren publizistischer Arbeit in der »Republik von Weimar« war »Tucholsky schon so weit, daß er keinen deutschen Schreibtisch mehr aushielt, oder auch nur Deutschland und deutsche Menschen als ständige Lebenssphäre.« (Walther Victor) 1924 verläßt er Berlin und geht als Korrespondent der »Weltbühne« und der »Vossischen Zeitung« nach Paris.
Die Berliner Jahre, für ihn selbst die wichtigsten seines Lebens, habe ich zum Thema meiner Plakatausstellung gewählt. Ich habe sie konzipiert nicht für einen geschlossenen Raum, nicht als Gedenkausstellung, nicht für ein elitäres Publikum - sondern für Berlin. Berlin ist heute wieder die Hauptstadt Deutschlands. Zu Tucholskys Zeiten war hier ein Zentrum der Aktivität und der Widersprüche. Tucholskys Satire war in seiner Zeit von brennender Aktualität, seine höchst anschaulich formulierten Erkenntnisse, seine Überspitzungen wurden oft genug zu Publikumserfolgen, zu Gassenhauern. Obwohl Tucholskys Texte älter als ein halbes Jahrhundert sind, überrascht ihre Nähe zur Gegenwart. Kann eine Ausstellung über Tucholsky mehr sein als bloße Illustration historischer Zusammenhänge? Ist es nicht eine demokratische Aufgabe, seine Kritik öffentlich zu halten?
Und: verträgt Berlin seine Provokationen?
Die Plakate kann ich mir vorstellen
- an Orten in der Stadt, an denen Tucholsky agierte,
- in der Berliner U-Bahn,
- aber auch auf Veranstaltungen beispielsweise der Tucholsky-Gesellschaft.
Die Ausstellung besteht aus einer Serie von mehreren Plakaten. Konstanten in der Gestaltung, wie Typographie, Stand und Farben der Zitate bilden eine durchgehende Linie als Voraussetzung für gute Wiedererkennbarkeit. Die Farben Schwarz-Rot-Weiß stehen sowohl für das letzte deutsche Kaiserreich als auch für die revolutionäre Grafik der 20erJahre. Die wiederholte Begegnung mit Tucholsky-Plakaten soll Aufmerksamkeit und Interesse wecken, beim Vorübergehen, beim Warten auf dem Bahnsteig...
Tucholsky hat »Deutschland« gehaßt und er hat Deutschland geliebt. Die Anfang der 20er Jahre noch heiter-liebenswürdige Satire wandelt sich mit abnehmender Aussicht auf eine demokratische, friedliebende Republik in Bitternis und Verachtung. 1933 wird aus seinem Auslandsaufenthalt endgültiges Exil. In Deutschland werden seine Texte verboten, seine Bücher verbrannt. Zwei Jahre später wählt der »aufgehörte Dichter«, wie er sich selbst in seinem letzten Brief bezeichnet, den Freitod.