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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

 

Simone Hain

Mart Stam in der DDR

 

Mart Stams DDR-Intermezzo währte vom März 1948 bis zum 31. Dezember 1952. Zwischen diesen beiden Daten liegen Ereignisse, die für Stam geradezu traumatische Folgen gehabt haben müssen. Das modische Wort »Karriereknick« ist nicht annähernd geeignet, die Konsequenzen einer kulturpolitischen Auseinandersetzung zu erfassen, die für den Betroffenen in diesem Falle persönlichkeitsvernichtende Züge annahm.
Fragt man Zeitzeugen heute, mehr als vierzig Jahre später, nach Mart Stam, so begegnet man zweierlei Haltung: warmherzige, verbundene Erinnerung an ein »Opfer« der stalinistischen Kulturpolitik oder abwehrende, kühl-distanzierte Zurückhaltung gegenüber dem »Täter«. Das erste gilt vor allem für die Berliner Zeit, die zweite Haltung überwiegt in Dresden. Indifferent äußerte sich keiner der Befragten. Das kann auch nicht verwundern, reflektieren sie doch eine Zeit, in der nicht allein Mart Stams ethische, soziale und ästhetische Wertvorstellungen in unerbittlichen Machtkämpfen auf harte Proben gestellt waren.
Als Mart Stam im März 1948 in die DDR übersiedelt, folgt er einer Einladung, mitzuwirken bei der Reform des Kunstschulwesens in der sowjetisch besetzten Zone, bei der Förderung der industriellen Produktion durch Typenmusterentwicklung, Produktüberwachung und Verfahrensentwicklung sowie bei der Wiederaufbauplanung in Dresden. Hinter dem Ruf aus Sachsen steht Liv Falkenberg (Liefrinck), die Stam seit ihrer Jugend aus der holländischen Friedensbewegung kannte. Seit ihrem ersten Zusammentreffen mit dem eben aus der Haft entlassenen jungen Wehrdienstverweigerer Stam war die holländische Architektin ihrem Landsmann an entscheidenden Stationen ihres Lebens immer wieder begegnet: Beim Bau der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, in Frankfurt am Main unter Ernst May, im Freundeskreis der De 8-Gruppe in Amsterdam und schließlich im holländischen Widerstand unter konspirativen Bedingungen. Was lag angesichts der Zerstörungen im Nachkriegsdeutschland und der gewaltigen Probleme bei der Rekonstruktion der obersächsischen Leichtindustrie näher, als den Freund zu diesen Aufgaben, für die Otto Falkenberg, Livs Ehemann, als sächsischer Industrieminister verantwortlich war, heranzuziehen.
Mart Stams Berufung in die sowjetisch besetzte Zone erfolgt mit »ausdrücklicher Unterstützung« des Zentralsekretariats der SED und der SMAD (Sowjetische Militäradministration), die, so Oberstleutnant Alexander Dymschitz, »Stam genau kenne und ... es gewesen, die seine aktive Mitarbeit in Dresden (gegen die dortigen Widerstände - d. A.) habe durchsetzen müssen«.

 

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