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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

Beate-Mechthild Schulz

Müll

 

Wenn man sich heute als Designerin mit der Abfallproblematik auseinandersetzen will, kann man sich sehr leicht auf Glatteis begeben. An Ideen fehlt es sicher nicht, eher an wirklicher Forschungsarbeit in weitgesteckten Rahmen; denn die Umweltfreundlichkeit von Produkten und Prozessen, deren Auswirkung auf die Umgebung lassen sich nicht durchschauen, so daß der Nachweis der Verträglichkeit weiterhin aussteht. Natürlich erging es mir mit meiner Diplomarbeit nicht anders. Das Herantasten an das Thema von zwei Seiten: aus heutiger Sicht Lösungen zu finden, sowie eine historische Auseinandersetzung stellte sich als sehr fruchtbar heraus. So kann man meine historische Arbeit über Abfallerfassung, -entsorgung, -verwertung auch als eine Standortbestimmung sehen: es scheint, daß sich der Umgang mit Abfall seit Anfang des 20. Jahrhunderts kaum verändert hat, lediglich Müllproduktion sowie die Wegwerffreudigkeit sind rapide gestiegen. So entpuppen sich die »hochaktuellen« Recyclingbestrebungen als Wiederbelebungsversuche von schon damals nicht funktionierenden Ideen.
Die entstandene Arbeit stellt den Versuch dar, die historische Entwicklung technischer Systeme, den Wandel von Verantwortlichkeiten sowie den Motivwandel beim Umgang mit kommunalen Abfällen darzustellen. Aus dem Blickwinkel der Designerin, auf der Suche nach neuen Lösungen, war es mir Anliegen, Wurzeln heutiger Verfahren aufzudecken, oder alte, in Vergessenheit geratene Techniken, Geräte, Systeme wiederzuentdecken, um sie auf die Verwendbarkeit für heute zu prüfen.
Daß die Arbeit so ausführlich wurde, liegt einfach an der Lust und Neugier, die mich beim Durchstöbern der Sammlung Erhardt im Umweltbundesamt befiehl. Eine wichtige Seite der Kulturgeschichte - oft verschwiegen oder übergangen - erschloß sich mir. Die Faszination, verborgene Lebensadern einer Stadt - in diesem Falle der Stadt Berlin -aufzudecken, die wohl nicht viel zu ihrem Ruhm beitrugen - Mülldeponien und Rieselfelder am Rande der Stadt, primitive Klosettanlagen ... (die in den Geschichtsbüchern und Museen fehlen), begleitete meine Arbeit.

Straßenreinigung
Die hygienische Situation Berlins im Mittelalter unterschied sich nicht sonderlich von der anderer deutscher Städte. »Zwischen eng gestellten Häusern bilden sich Lachen von Regenwasser, Abwässer und Fäkalien.« Der Einfachheit halber wurden Abfälle und Nachtstühle direkt aus dem Fenster auf die Straße gekippt. Es gab kaum befestigte Straßen, keine Kanalisation, keine zentrale Wasserversorgung, keine Beleuchtung und keine Abfallbeseitigung.
Doch schon im 13. Jahrhundert sind erste Verordnungen für die Reinhaltung der Stadt erlassen worden. Die Erfolge waren gering. Eine durchgreifende Stadtreinigung konnte erst nach der Befestigung der Straßen durchgeführt werden, also nachdem die durch Regenwasser und Verkehr entstandenen Moraste verschwanden. In machen Städten wurden schon im 14. Jahrhundert erste Sammeldienste organisiert, so zum Beispiel im Jahre 1340 in Prag.
In Berlin dagegen wurden die Aufgaben der Straßenreinigung einem Scharfrichter übergeben. Erstmals 1587 hatte er Tierkadaver und Selbstmörderleichen zu beseitigen und die Abzugsgräben freizuhalten, damit Niederschlagswasser abfließen konnte. Ab 1624 wurde Dirnen mit zur Straßenreinigung eingesetzt. Im selben Jahr erging ein Befehl des Kurfürsten von Brandenburg an die Bürger, der zur Reinigung der Stadt aufforderte. Diese aber seien »wegen der anliegenden Feldarbeit« daran gehindert gewesen. Auch neuerliche Erlasse und Befehle vermochten der verheerenden Situation in der Stadt nicht abzuhelfen: »In Berlin wurde noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts die Straße niemals gefegt, und in dem beständig zunehmenden Kot wühlten die Schweine der ganzen Bürgerschaft den Tag über, ebenso in den Kanälen, die vor Kot nicht mehr abfließen konnten.«

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