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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

Gui Bonsiepe

Peripherie und Zentrum

 

form+zweck
Sie sind uns bekannt als Spezialist für Design in den Peripherieländern, nun leben Sie - so unsere Information - seit einigen Jahren in den USA aeg- hat sich damit Ihr Interesse verlagert?

Bonsiepe
Von Anfang 1987 bis Ende 1989 arbeitete ich als Praktikant in einer Softwarefirma in den USA. Da ich in Brasilien keinen Zugang zur Spitzentechnologie der Informatik hatte, mich aber dieser neue Tätigkeitsbereich des Designers sehr interessierte, nahm ich das Angebot einer Softwarefirma an, als Designer die Tätigkeit der Programmierer und Computerwissenschaftler zu ergänzen und mich in dieses Gebiet einzuarbeiten. Vor vier Jahren war dieses Gebiet der »human user interfaces« nicht strukturiert. Kurse an Universitäten, die explizit aufs Design orientiert waren, gab es meines Wissens nicht. Den wenigen Büchern zum Thema konnte ich nichts Einschlägiges entnehmen. Somit bestand die einzige Möglichkeit darin, »vor Ort« zu lernen. Nach Abschluß dieses intensiven Praktikums kehrte ich wieder nach Brasilien zurück. Meine Interessen haben sich gegenwärtig vom Produktdesign zur visuellen Kommunikation verlagert. Das ist eine Kehre, ein Wiederanknüpfen an die 1960 unter Tomás Maldonado entwickelte Thematik. Seinerzeit entwarfen wir das wohl erste Zeichensystem für die Anzeige- und Bedientafeln eines Olivetti Mainframe Computers, das heute selbstverständlich überholt ist. Ohne den Begriff dafür zu haben, arbeiteten wir an dem Thema, das heute Interface Design genannt wird. Übrigens hat dieses Projekt, daß wir in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlichten, breite Auswirkungen auf die Propagierung visueller Zeichensysteme gehabt, und vor allem die Systematisierung dieses Fachbereichs der visuellen Kommunikation.

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Wenn Sie an Ihre Arbeit in Lateinamerika denken - haben Designer dort zu einem eigenen Funktionsverständnis gefunden und wie wäre es generell oder regional zu beschreiben?

Bonsiepe
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Selbstverständnis der Produktdesigner in der Peripherie profiliert. Die Berufspraxis hat sich gefestigt, trotz aller politischen Turbulenzen und der damit verbundenen Unstetigkeiten in der Entwicklung. Die anfänglich diffuse Rolle des Designs in der Peripherie ist geklärt worden, nicht nur betreffs des berufsspezifischen Angebots, sondern vor allem in Hinsicht auf die Frage, wie der Designer das ruinöse Ungleichgewicht im technologischen Bereich zwischen Peripherie und Metropole mindern kann. Es gibt zwei Motive für das Interesse am Design in der Peripherie: insofern das Industrial Design als Teil des Modernisierungsprozesses der industriellen Produktion begriffen wird, besteht seine Rolle darin, eine lokale Produktkultur mitzuprägen. Was den Außenhandel angeht, wird das Design dazu eingesetzt, die Zahlungsbilanz zu verbessern. Heute ist Lateinamerika, das während weiter Phasen seiner Geschichte Kapital importierte, zu einem Kapitalexporteur geworden. Allein Brasilien zahlte im vergangenen Jahrzehnt mehr als 100 Milliarden Dollar nur zur Begleichung der Zinsen. Wie Sie sehen, betrachte ich das Industrial Design als Teil der industriellen und technologischen Entwicklung der Peripherie, im besten Falle nicht nur als eine abhängige Variable, sondern als einen dynamischen Faktor.

 

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