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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

Silke Rothkirch

Plaste

 

Lichtschalter, Küchengeräte, Knöpfe, Kämme, Schmuck, Radiogehäuse, Stecker ... in den Jahren zwischen den Weltkriegen war die Anwesenheit von Kunststoffen in der Alltagswelt bereits verbreitet: in der Wohnung, im Automobil, in der Werkstatt, in der Garderobe, im Radiogerät. Unauffällig oder spektakulär, massenhaft oder exklusiv drangen sie auf unterschiedlichen Wegen, aus unterschiedlichen Richtungen, in verschiedenster Form, in den Alltag ein. Ihr Charakter ist sehr unterschiedlich: ein elfenbeinartiger Knopf, eine »nostalgische« Nachttischlampe, eine rote Küchenmaschine, der völlig »neutrale« Lichtschalter. Die verschiedenen ästhetischen Signaturen deuten auf verschiedene Ausgangspunkte der Gestaltung hin.

Die Kunststoffe gehören zu den jüngeren Vertretern künstlicher Werkstoffe. Die sogenannten naturgebundenen Kunststoffe, unter ihnen, Glas, Porzellan und Papier, sind seit Jahrtausenden im Gebrauch. Diese Stoffe kommen in der Natur nicht vor. Nach der Herstellung zeigen sie keine Ähnlichkeit mit den Ausgangsstoffen mehr und besitzen andere Eigenschaften, lediglich der molekulare Grundaufbau bleibt unverändert. Auch einige halbsynthetische Kunststoffe, die Vorläufer der eigentlichen, sind schon lange bekannt - Leder und Gummi. Die Ausgangsstoffe dieser abgewandelten Naturstoffe sind natürliche makromolekulare Verbindungen; Zellulose, Proteine, Kautschuk. Als die eigentlichen Kunststoffe werden diejenigen bezeichnet, die synthetisch aus niedermolekularen organischen Verbindungen hergestellt werden.
Das Bestreben, sich in unterschiedlichem Maße und zumindest scheinbar von der Natur unabhängig machen zu können, indem eine künstliche Welt in Form von Materialien und Gegenständen generiert wird, existierte also schon immer. Das Phänomen »Künstlichkeit« ist demzufolge nicht nur auf die Kunststoffentwicklung als ein chemisches, technologisches oder wirtschaftliches Problem reduzierbar. Kunststoffe beziehungsweise Kunststoffgegenstände liefern jedoch kulturelle Indizien, wie im modernen Zeitalter Strategien der Künstlichkeit aussahen.
Ein Beispiel aus den Anfängen der Kunststoffentwicklung, das den Zusammenhang von Künstlichkeit und Kunststoffen illustriert, gleichzeitig die universelle Potenz andeutet: 1869 ließ John W. Hyatt das Celluloid, ein Zellulose-Ester, patentieren. Gleichzeitig hatte er die Apparate zur Erzeugung von Celluloid entwickelt. Hyatt hatte hieran gearbeitet, weil ein billigerer Ersatzstoff für das teure Elfenbein der Billardkugeln gesucht wurde. Nur einige Jahre später begann die Industrie-Produktion. Das Ergebnis hatte die Erwartungen übertroffen: Es stellte sich heraus, daß das Celluloid nicht nur preisgünstig war, sondern sich leicht und in vielfältigster Form - abhängig von Zusammensetzung und Verarbeitung - herstellen ließ. 1884 entdeckte es Paul Eastman für die Kinematographie: Das Entstehen der großen Illusionsmaschinerie »Film« war also an das Celluloid gekoppelt - künstliches Material als Transportmittel des inszenierten Scheins.

 

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