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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

 

Tomás Maldonado

Umwelt und Revolte

 

form+zweck
1969 erschien Ihr Buch »Umwelt und Revolte«. Liest man es heute, so ist man überrascht von der Grundsätzlichkeit der ökologischen Argumentation und zugleich betroffen davon, daß sich trotz des entwickelten Problembewußtseins seinerzeit praktisch wenig geändert hat. Können Sie noch einmal knapp die Situation umschreiben, aus der heraus dieses Buch geschrieben wurde, und auch, was sich in den mehr als 20 Jahren seit seinem Erscheinen verändert hat?

Maldonado
Als der Essay in Italien erschien, war dessen Leitgedanke - die ›Umweltfrage‹ - zumindest in Europa etwas, das die Öffentlichkeit wenig interessierte. Zur zweiten Auflage (1972) hielt ich es für erforderlich, ein Nachwort anzufügen, in dem ich vor der Gefahr warnte, das Umweltproblem zu banalisieren - eine Überstrapazierung in den Massenmedien etwa könnte es zu einem Modethema neben vielen anderen werden lassen und seiner Brisanz berauben. Ich machte damals auf den hinlänglich bekannten Mechanismus der Vermodung aufmerksam: »Man greift sich ein Thema und zelebriert es einige Monate, um es dann als total veraltet fallen zu lassen. Das heißt, man erklärt es einfach für ›out‹; indem man es in alle Richtungen verteilt, wird es kraftlos und seine Bedeutsamkeit verflüchtigt sich. Die beste Methode, um ein Thema der öffentlichen Aufmerksamkeit (oder zumindest dem öffentlichen Interesse) zu entziehen, ist die, alle Leute zu zwingen, sich unentwegt damit zu beschäftigen. Das Modethema ›Umwelt‹ liefert dafür heute ein überdeutliches Beispiel. Propagandistisch zum Sieden gebracht, beginnt es jetzt zu verdunsten. Das Dröhnen der Rotationsmaschinen führt dazu, daß man davon nichts mehr hören mag. Das Modethema Umwelt wird seinen Lebenszyklus bald vollenden: Ein äußeres Phänomen, das für uns Anlaß tiefster Beunruhigung war, droht letztlich zu einem bloßen Verdrängungsproblem in unserm Innern zu werden. Man wird nicht mehr davon sprechen. Es wird nicht mehr ›existieren‹.« Seinerzeit war eine solche Entwicklung in den Vereinigten Staaten zu beobachten, besonders nachdem Präsident Nixon auf den schlimmen Zustand der Umwelt im Lande hingewiesen hatte. Noch nicht so in Italien, wo das Thema ›Umwelt‹ unterschätzt wurde oder wo man offen eine ablehnende Haltung bezog. Innerhalb der Linken zum Beispiel bestritt man hartnäckig, daß das Problem es verdiene, ernst genommen zu werden. Man sagte, es sei nur ein fiktives Problem, nichts weiter als eine Ablenkung von den Ereignissen in Vietnam. Manch einer sprach sogar vom »ökologischen Betrug«.
Die Dinge änderten sich jedoch in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, wenn auch zögerlich, auch unter den Linken. Für die öffentliche Meinung begann Umwelt ein lohnendes Thema zu werden. Aber auch hier spürt man die Mechanismen der Vermodung. Plötzlich wird von nichts anderem mehr gesprochen als von Natur, Umwelt, Ökologie. Man spricht tatsächlich darüber - viel und schlecht, beharrlich und verschwommen. Man informiert und desinformiert. So ist das noch heute und zwar in zunehmendem Maße.
Trotz allem - und da muß ich zugeben, daß meine Prognose damals vielleicht zu pessimistisch war - hat es die ›Öko-Mode‹ letztlich nicht geschafft, das Thema in seiner Dringlichkeit abzunutzen und verblassen zu lassen. Es ist nicht zu leugnen, daß im letzten Jahrzehnt in Italien, wie überall, das Interesse und die Sensibilität der Menschen gegenüber der Umweltkrise bedeutend zugenommen haben. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Eine entscheidende Rolle spielten die Umweltbewegungen, die engagiert aufgerüttelt und angeklagt haben. Nicht weniger wichtig war sicherlich die psychologische (und in manchen Fällen nicht nur psychologische) Betroffenheit der Menschen in folge entsetzlicher Umweltkatastrophen aller Art, die in den letzten Jahrzehnten geschahen. Ich erinnere nur an Amoco, Seveso, Bhopal, Tschernobyl und Karin B.
Andererseits muß dieses gewachsene öffentliche Bewußtsein für die Umwelt immer wieder durch neue Anklagen und neue aufsehenerregende Ereignisse wachgehalten werden. Und das ist, meiner Meinung nach, sein wunder Punkt, dass es so sehr abhängig ist von den Mitteln der Massenkommunikation, das heißt, von den Mitteln, die es ermöglichen, diese Proteste und diese Ereignisse öffentlich zu verbreiten (oder auch eben nicht). Offensichtlich handelt es sich um ein Bewußtsein, das noch keinen soliden rationalen Kern ausbilden konnte, einen Kern, der es ihm ermöglichen würde, sich zu erhalten und sich zu entwickeln, ohne den Medien und ihrem ständigen Verlangen nach Neuigkeiten sich unterwerfen zu müssen - ein Verlangen, daß bekanntlich eher auf Sensationen als auf korrekte Informationen aus ist.
Es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, daß die derzeitigen Schwierigkeiten, eine Verständigung zur Umweltproblematik zu erreichen, vorwiegend durch eine - gelinde gesagt - unangebrachte ›ökologische Kommunikation bedingt sind. In mancher Hinsicht ist sie sogar tendenziös, meine ich. Manchmal werden schwerwiegende Tatsachen als harmlos dargestellt und in andren Fällen werden Fakten dramatisiert, die, wenn auch nicht als harmlos, so doch als nicht so schwerwiegend anzusehen sind, da bei vernünftigem Herangehen eine Lösung als möglich erscheint.
Vielleicht aber verbirgt sich hinter derartigen Schwachpunkten auch eine klare Absicht: Das Aufzeigen der Probleme rangiert vor ihrer Lösung. Oder um es mit einem im Manager-Jargon häufig gebrauchten Lehrsatz zu sagen: ›Man sollte sich besser auf die Seite der Probleme stellen als auf die Seite ihrer Lösungen.‹ Wenn das stimmt, dann stimmt auch, daß das gegenwärtige Patt in der Umweltauseinandersetzung nicht nur mit der Unangebrachtheit der Mittel (oder manipulativen Absichten) im Bereich der Kommunikation zu erklären ist. Das wäre zu einfach.
Meiner Ansicht nach ist es das Fehlen einer politischen Kultur, das in den Auseinandersetzungen um die Umwelt oft Entscheidungen blockiert. Schlimmer noch: dadurch können willkürliche oder demagogische Entscheidungen ermöglicht und sogar eine autoritäre Beschlußfassung begünstigt werden.
In der Umweltbewegung gibt es starke autoritäre Bestrebungen - es nutzt nichts, das leugnen zu wollen. Die Ursachen hierfür sind unterschiedlich. Die Verzweiflung angesichts des allgemeinen Verfalls unserer Umwelt und die (zunehmende) Schwierigkeit, global verbindliche Entscheidungen zu treffen, begünstigt Auffassungen, man müsse früher oder später zu einer autoritären Umweltpolitik übergehen, zu einer Art von ›Öko-Diktatur‹, die in der Lage ist, Maßnahmen zur Rettung der Umwelt mit Zwang durchzusetzen. Es würde sich hierbei um einen Autoritarismus handeln, der sozusagen schweren Herzens angenommen würde; nicht aus einem antidemokratischen Willen heraus, sondern aus der Überzeugung, daß dies der einzige Weg sei, das Überleben der Spezies zu sichern. Kurz gesagt, wäre das ein Autoritarismus ›humanitärer‹ Prägung, so merkwürdig sich das auch anhören mag.
Diese eigenwillige, in mancher Hinsicht verblüffende Haltung wurde, mit allerlei Abstrichen, von Hans Jonas (1979) theoretisch untermauert, einem Mann, dessen demokratisches Credo außer Frage steht. Jonas behauptet in der Tat, daß bei der Bewältigung drängender Umweltfragen die Autokratie gegenüber der Demokratie objektive Vorteile hat. Seiner Meinung nach erfordere dieser Sektor unpopuläre Maßnahmen, die in einem demokratischen Prozeß schwerlich zu stande kommen und beschlossen werden könnten. Dennoch ist der Gedanke von Jonas nach einer ›wohlgesonnenen, gut informierten und von guten Überzeugungen beseelten Tyrannei‹, einer Art ›aufgeklärter (ökologischer) Despotie‹ nicht die einzige Aussicht auf Rettung in der Umweltbewegung.
Es gibt auch andere, weit gröbere, denen es nicht einmal darum geht, sich einen humanitären Anstrich zu geben. In einem Buch, das nicht frei von politischen Doppeldeutigkeiten ist, hat Anna Bramwell (1989), gestützt auf eine umfangreiche Dokumentation, die schier unendliche Masse und Vielfalt an Tendenzen beschrieben und unter der Überschrift der ›ecological box‹ zusammengefaßt. Darunter wurde ein beeindruckendes Spektrum von Programmen und Gegenprogrammen versammelt, bei denen es schwierig ist, einen plausiblen gemeinsamen Nenner zu finden. Sieht man davon ab, daß viele von ihnen heute nachdrücklich und mit Anstand ihren Unmut über die skandalöse Umweltsituation äußern. In dieser ›ecological box‹ finden sich nun auch ideologische Richtungen, die dem elementarsten demokratischen Bewußtsein - ich wage sogar zu behaupten: dem elementarsten ›menschlichen Empfinden‹ - zuwiderlaufen. Bramwell erinnert - vielleicht in einem Anflug von Wehmut, wie mir scheint - daran, daß sich in nuce ein beträchtlicher Teil der ökologischen Grundgedanken in den reaktionärsten Traditionen deutscher Kultur und Politik, einschließlich des Nationalsozialismus, wiederfinden läßt. Aus diesem Blickwinkel heraus fragt sich die Autorin: »Ökologie - eine deutsche Krankheit?«

 

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