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form+zweck 2+3

Noch einmal: Ökologie, noch einmal: Recycling, noch einmal: DDR

 

 

Jens-Ole Kracht | Marcus Keichel

Wohnturm

 

Im Rahmen eines selbstorganisierten - >autonomen< - Entwurfsseminar am Fachbereich Design der HdK-Berlin haben wir ein Arbeitskonzept entwickelt, das auf ein Gleichgewicht zwischen theoretisch-geistiger und praktisch-gestalterischer Arbeit orientiert ist und in Verbindung steht mit unseren Vorstellungen von sozialer Utopie. Aus unserer Sicht ist eine Emanzipation breiter Schichten der Gesellschaft die Grundvoraussetzung für weitreichende politische Umstrukturierungen auf demokratischem Wege - ein Prozeß der in Zusammenhang steht mit dem Selbstverständnis dieser Schichten. Dieses Selbstverständnis beeinflußt und wird beeinflußt durch die Ausdifferenzierungen des Geschmacks und die individuellen Aneignungsprozesse von Gegenständen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Gestalt(ung) der Objektwelt, dem Selbstverständnis des Individuums und dem Grad seiner Emanzipiertheit, einen Zusammenhang also zwischen den Dingen, dem gesellschaftlichen Gefüge und der politischen Realität. Ein Grundgedanke unserer sozialen Utopie ist die Vermehrung des >kulturellen Kapitals< (Bourdieu). Auf diesem Wege, durch »Aufklärung«, kann die Wahrnehmung in einer Weise geschärft werden, daß Lüge und Demagogie enthüllt und daß die >Vorstellungen von Realität< der Realität selbst angemesser werden. Dem versuchen wir in unserem Arbeitskonzept, das die Mitverantwortlichkeit des Gestalters für die Hervorbringungen dieser Gesellschaft erkennt, in Form und Inhalt Rechnung zu tragen.
Wir sehen dieses Arbeitskonzept als Alternative an gegenüber einem anderen heute sehr verbreiteten Gestaltungsansatz: dieser ordnet den Entwurf einem formal-ästhetischen Konzept unter; der Gestalter versteht sich als lediglich sich selbst verantwortlicher Künstler. Da sich für diese Haltung gerade in der postmodernen Architektur bedeutende und zahlreiche Beispiele finden, haben wir uns als Designer an einen Gegenentwurf zu einem postmodernen Wohnbau herangewagt. Unsere Wahl fiel auf den vom Turiner Architekten Pietro Derossi 1987 entworfenen »Wohnturm« in der Berliner Wilhelmstraße - ein Gebäude des sozialen Wohnungsbaus. Einer der von vornherein kritisch entwickelten Grundgedanken war der, auf die Wohnbedürfnisse der (im Sinne des >ökonomischen Kapitals<) unteren Schichten einzugehen. Gedacht war nicht nur an Emanzipation, sondern auch ganz pragmatisch an die prekäre Wohnungsunterversorgung (2,5 Mio. Wohnungen fehlen).
Wir haben uns theoretisch mit der Geschichte und programmatischen Struktur des sozialen Wohnungsbaus und dessen Einfluß auf die Wohnhaus-Architektur befaßt. Dabei wurde deutlich, daß die Grundidee des sozialen Wohnungsbaus weniger in caritativem Altruismus zu suchen ist, als viel mehr im Interesse der herrschenden Schichten, die unteren ruhig zu stellen, Arbeitskräfte und ein Konsumentenpotential zu erhalten. Die Art und Weise der staatlichen Förderung des sozialen Wohnungsbaus erscheint eher wie ein Investitionshilfeprogramm für potentielle Hausbesitzer. Hierbei wird der Staatsbelang >Wohnraumversorgung< privatisiert. Die finanziellen Interessen der Vermieter rücken in den Vordergrund und nicht die Bedürfnisse der Bewohner.
Im Gegensatz zur gängigen Praxis im Sozialwohnungsbau haben wir versucht, Segregation und Getthoisierung, wie sie in Derossis Entwurf eingeschrieben waren, aufzuheben. Wir entwickelten eine Vorstellung vom Zusammenleben finanziell minderbemittelter Menschen mit unterschiedlich hohem >kulturellem Kapital<. Vonnöten hierfür ist die Möglichkeit des sozialen Kontakts, der eine Atmosphäre der Toleranz, des Verständnisses und des Austausches erzeugt. Das emanzipatorische Moment liegt in der Überwindung des Minderwertigkeitsgefühl des >Almosenempfängers, der seine Lage selbstverschuldet< habe. Diese und andre irreale Vorstellungen sind zugunsten einer schärferen Wahrnehmung der Realität zu überwinden, indem die soziale Isolation durchbrochen wird.