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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Erik Spiekermann

Dann könnte ich ja malen, was ich will

 

form+zweck
Die Indianer hatten Rauchzeichen, Morse hat das elektrische Alphabet erfunden - was eigentlich ist Informationsdesign?

Spiekermann
Für mich definiert sich Informationsdesign aus den Mitteilungen, die man gestaltet, weil Menschen sie wirklich zum Leben brauchen. Der Unterschied zwischen Persil und Omo ist relativ irrelevant. Wenn ich aber zum Beispiel Wohngeld beantrage, dann tue ich das, weil ich dringend die Knete brauche. Und wenn ich einen bestimmten Zug von A nach B finden muß zu einer bestimmen Uhrzeit, an einen bestimmten Ort, dann ist das auch eine Sache, die wirklich dringend nötig ist.
Viele Leute sagen, daß Informationsdesign meßbar, analytisch, Ingenieurzeug ist, etwas, was man nachforschen kann, wo es um quantitative Sachen geht. Alles neutralisieren, objektivieren, im Hinblick auf die berühmte objektive Lesbarkeit, die es natürlich nicht gibt. Erfolgreiche Informationsdesigner wissen, daß man zum Informieren auch motivieren muß. Wenn man den Leuten nur Fakten gibt, so genannte kühle Fakten, dann wird sie niemand je angucken, denn das macht ja keinen Spaß.
Andererseits halte ich es für Schwachsinn, wenn ein Formular nicht mehr als Formular zu erkennen ist - dann ist es eine Lüge. Es gab in den siebziger Jahren den Trend bei Designern, Formulare schick und nett zu gestalten. Ein Formular hat immer einen ganz effektiven Zweck und zwar nützt es im besten Falle beiden Seiten. Jemand will was von dir wissen und du sagst ihm das, weil du was davon hast, etwa Wohngeld. Natürlich wollen die von dir alles mögliche wissen, mit wem du lebst und die Schuhgröße deiner Mutter, aber du kriegst dafür ja auch Knete ... Nur, es lieb und nett zu dekorieren, um den Anschein einer angenehmen Tätigkeit vorzutäuschen, halte ich für verlogen. Denn ein Formular auszufüllen, ist keine angenehme Erfahrung, sondern eher eine unangenehme Pflicht, auch noch außerhalb des normalen Sprachgebrauchs. Es ist eine knappe und zum großen Teil standardisierte Form der Kommunikation.

form+zweck
Ein Reizpunkt, uns mit diesem Thema zu beschäftigen, war, daß uns gesagt worden ist, der Bereich des Informationsdesign würde durch den Computer noch einmal neu befragt werden. Und dann stellte sich aber heraus, daß das, was gemacht wird in diesem Sektor ein ganz klassisches Gebiet im Design, nämlich visuelle Kommunikation ist.
Wie würdest Du die Entwicklung der letzten 10 Jahre beschreiben, siehst Du Veränderungen?

Spiekermann
Ich sehe keine auf der Seite der Auftraggeber, weil die noch nicht begriffen haben, daß da was gemacht werden muß. Das meiste in dieser Richtung geht nach meiner Information von öffentlichen Auftraggebern aus, weil das die Art von Überlebenskommunikation ist, die wir im sozialen Zusammenleben brauchen, eben Orientierungssysteme im öffentlichen Raum. Allerdings versucht die »Öffentlichkeit« wiederum zu verschleiern, um die eigene Macht besser ausüben zu können, deswegen sind deutliche und freundliche und lesbare Formulare von Staats wegen ein Widerspruch in sich. Wir haben für die Bundespost wunderbare Formulare gemacht: Die haben genau die Probleme aufgezeigt und sind deswegen nicht realisiert worden.

 

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