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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Claudia Rodegast

Der Konsum-Kasper kommt

 

I. Der Anspruch - Grundzüge einer »sozialistischen Werbung«

Nach 1945 und in den Anfangsjahren der DDR war an Werbung kaum zu denken - der Schwarzhandel blühte, dem Einzelhandel oblag die Aufgabe, die rationierten Waren zu verteilen.

Der Bedarf an Information dagegen war groß: Suchanzeigen spielten hier eine besondere Rolle. Für sie mußte eine Institution geschaffen werden: Im September 1945 wurde in Dresden die Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft (DEWAG) gegründet und ein Jahr später in eine GmbH umgewandelt. Als einzigem Werbeunternehmen der DDR umfaßte ihr Aufgabengebiet den Betrieb sämtlicher Werbe- und Anzeigengeschäfte, den Betrieb von Reisebüros sowie die Betreuung und Durchführung kultureller Veranstaltungen, später auch solcher Großveranstaltungen wie der 3. Weltfestspiele. Anfang der fünfziger Jahre wurde ihr das gesamte Plakatanschlags- und Verkehrswerbungswesen übertragen. Seit Beginn der sechziger Jahre stellte sie außerdem den überwiegenden Teil der Werbemittel für den Binnen- und Außenhandel her: Eine sogenannte »Werbemappe« speziell für den Einzelhandel enthielt vom Werbefoto für Haushaltwarengeschäfte über Preisschilder bis hin zu Portraitdarstellungen der Politprominenz alles. Die DEWAG produzierte Werbefilme, gab Diaserien sowie politisches Agitations- und Propagandamaterial heraus.

1945 fand auch die Neubelebung der Konsumgenossenschaften statt. Sie verstanden sich als große Massenorganisation. 1956 verfügten sie bereits wieder über rund 3 Millionen Mitglieder und 30 000 Verkaufsstellen in Stadt und Land sowie über eine große Anzahl von Produktionsbetrieben. Eine besondere Rolle kam ihnen auf dem Lande zu. Tierische und pflanzliche Produkte wurden hier meist direkt vom Bauern bezogen und verkauft.

Eine ihrer Hauptaufgaben sahen die Konsumgenossenschaften in der kontinuierlichen Erziehungs- und Aufklärungsarbeit. Das geschah durch Gespräche, Schulungen, kulturelle Veranstaltungen, in der Pressearbeit und nicht zuletzt in der genossenschaftlichen Werbung. In den sechziger Jahren mußte auch ein eigenes Signet her. In Zusammenarbeit mit dem VBKD (Verband Bildender Künstler Deutschlands) entschied man sich für einen Entwurf des Grafikers Herbert Prüget. Inhaltliche Maßgabe war hierfür, »die Mitwirkung bei der Festigung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit den Werktätigen auf dem Lande durch bessere Versorgung der Landbevölkerung« zum Ausdruck zu bringen. Die vorliegende Fassung zeigte die Symbole Schornstein und Sichel, welche vereinigt den Buchstaben »K« bildeten. Der Buchstabe »K« stand dabei für Konsum. Die entscheidenden Arbeitsgebiete im Bereich der Werbung sahen die Konsumgenossenschaften in der Schaufenster- und Innenraumgestaltung ihrer Objekte. Dabei spielten Agitation und Propaganda immer eine Rolle.

Die zweite große Handelsorganisation war die staatlich verwaltete »HO«. Ende 1948 konnten die ersten »freien Einkaufsläden«, eröffnet werden, aber dort gab es oft nur Gebrauchsgüter und Lebensmittel zu stark überhöhten Preisen, außerhalb der rationierten Versorgung.

Hier sind die ersten Versuche einer sozialistischen Binnenhandelswerbung anzusiedeln, erste ‹Deko-Abteilungen› entstanden. Ihre Aufgabe bestand darin, das dürftige Warenangebot, verbunden mit politischer Agitation - viel Fahnenstoff, Girlanden, Bildnisse oder Losungen - im Schaufenster zu präsentieren.

Ab 1954 erschien eine Fachzeitschrift, die sich den Problemen von Werbung und Gebrauchsgrafik verschrieben hat - die »Neue Werbung« (Verlag Die Wirtschaft). Zwei Zitate aus dem Geleitwort sollen den Anspruch, Werbung und ihre Aufgaben sowie Ziele ‹neu› zu bestimmen und auch theoretisch zu diskutieren, verdeutlichen:

»Der neue Kurs unserer Regierung bezeichnet als eine der wichtigsten Aufgaben, mehr und bessere Massenbedarfsgüter zu entwickeln und zu produzieren. Gleichzeitig ist die gesamte Handelstätigkeit so zu verbessern, daß die Erfolge unserer Produktion der gesamten Bevölkerung rasch zu gute kommen.


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