s_fz4_5klein.jpg

 

form+zweck 4+5

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

Claude Schnaidt

Die Moderne denken - methodisch

 

Die Anciens und die Modernen
Man sagt, es wäre Dummheit zu glauben, daß staatliche Unternehmen und Dienstleistungen unveräußerliche Güter sind. Sondern: Es ist modern, die zu privatisieren. Man wäre mit Blindheit geschlagen, wenn man die Gesellschaft auf die Vollbeschäftigung hin organisiert. Sondern: Es ist modern, die Arbeitslosigkeit zu subventionieren, da der Produktionsapparat der Gegenwart es nicht mehr erforderlich macht, daß alle Arbeit haben. Es wäre reaktionär, die soziale Sicherheit zu verteidigen, die ein Vermögen kostet. Sondern: Es ist modern, dem einzelnen die Freiheit zu lassen, für Krankheit und Alter selbst Vorsorge zu treffen. Man wäre nicht auf der Höhe der Zeit, wenn man etwas dagegen hat, daß ein Drittel der bestellbaren landwirtschaftlichen Flächen des nationalen Territoriums stillgelegt werden. Sondern: Es ist modern, Kälber in Batterien aufzuziehen und Tomaten in holländischen Gewächshäusern wachsen zu lassen. Es wäre hinterwäldlerisch, den Verkehr über die Alpen einzuschränken. Sondern: Es ist modern, die Milch aus dem Allgäu nach Italien zu transportieren, dort daraus Käse zu produzieren, der dann wiederum nach Deutschland zurückgebracht wird. Es wäre konservativ, mit dem Finger auf die Begierde der Multinationalen zu zeigen. Sondern: Es ist modern, die kleinen Unternehmer zu erdrosseln. Es wäre altmodisch, Obst und Gemüse zu essen, wie Jahreszeit und Landschaft sie bieten. Sondern: Es ist modern, im Winter grüne Bohnen aus Kenia und Kirschen aus Chile zu importieren. Man wäre von gestern, wenn man die Arbeit unterbricht, sich zusammen zu setzen, um darüber zu beraten, was getan werden müßte, um die Probleme zu lösen. Sondern: Es ist modern, eine Diskette in den Computer zu schieben, um mit ihm unendliche »Dialoge« zu führen, in der Art, wie man mit einem gelehrigen Hunde spricht. Es wäre naiv und unverantwortlich, noch immer vom Sozialismus zu träumen. Sondern: Es ist modern zu erklären, daß der Kapitalismus den Sieg davongetragen hat, weil er das einzige System ist, das Initiative, Produktivität und Wohlergehen befördert. Wenn man als Marxist denkt und handelt, gehöre man ins Paläolithikum. Sondern: Es ist modern, den Spiritualismus wieder zum Leben zu erwecken.
In diesen tagtäglichen Einschüchterungsgesängen ist die Vernunft immer auf der Seite des Stärksten, die Unvernunft aber sei auf der Seite des Schwächsten. Diese Perversion der Wörter und Ideen könnte eines Tages sehr wohl solcherlei Parolen inspirieren: »Es wäre unmenschlich, die Kommunisten an die Wand zu stellen. Aber, was wollen Sie, es ist das einzige Mittel, die Rechte des modernen Menschen zu bewahren.«
»In jedem Moment passiert etwas in den Galeries Lafayette« (Werbeslogan)
In der modernen Welt, in der so benannten, gibt es immer etwas Neues. Etwas, das mehr oder weniger neu ist, was sich in das bestehende einordnen oder aber verschwinden wird. Zunächst geben sich alle Neuheiten als in gleicher Weise neu, und ein gleiches günstiges Vorurteil ist ihnen von Nutzen. In der Neuheitsfrenesie kommen enorme Interessen zum Einsatz. Es funktioniert auch nichts mehr spontan. Die Furcht, daß man die Neuheit nicht mitkriegt und daß man nicht auf der Höhe der Zeit ist, wird durch das umfassendste Terrornetz aufrechterhalten, einem Netz, das die Unterscheidung von Exekutoren, Komplizen und Opfern unmöglich macht. Wenn die Neuheit nicht ohne Diskussion durchgesetzt werden kann, wird das Terrain der Kontroverse im Voraus abgesteckt. Pech für den, der seine Zweifel hat oder sich verweigert. Er wird erbarmungslos ins Nicht-Aktuelle, soll heißen, ins Nicht-Existierende verwiesen. Der Terrorismus ist allgegenwärtig. Er schlägt nicht nur auf den Neuheitskonsumenten ein - der ja das Vehikel sein wird -, er zielt auch auf den konkurrierenden Produzenten, der eine Nasenlänge Vorsprung haben könnte und auch auf den, der die Neuheit tatsächlich geschaffen hat, da er im so schön gemischten Spiel die Karten durcheinanderbringen könnte. Rhythmus und Regeln des Wettlaufs verbieten Innehalten und Ungehorsam, Neues wird daher immer oberflächlicher und konformistischer.

 

... lesen Sie weiter in form+zweck 4+5: Visuelle Kommunikation. Informations Design ...