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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design


 

 

Jörg Petruschat

Die Moderne denken - räumlich

 

Vorbemerkung
»Die Moderne denken«, kann heißen, sie modern zu denken. Andererseits ist die Moderne jene - auch geistige - Bewegung, die die Schuld, die ihr Tun aufhäuft, weder nach außen, auf Gott, noch nach innen auf ein Schicksalsgesetz verlagern kann, ohne vor ihre Voraussetzungen, sich selbst als geschichtlich zu denken, zurückzufallen. So gesehen kann es nicht genügen, die Moderne einfach modern zu denken, das Grüne einfach grün und das Rote einfach rot. Sich selbst als geschichtlich zu reflektieren, bedeutet das Grüne als Grünes, das Rote als Rotes, die Moderne als Moderne sich aufzuklären. Woher aber soll diese Distanz zur Wirklichkeit kommen?...
Nun steckt in dieser Frage eine räumliche Dimension. In der proletarischen Ideologie des Klassenkampfes ist diese räumliche Dimension ein klares Gegenüber - Bourgeois und Citoyen standen auf der anderen Seite. Die Auseinandersetzung war frontal, ihr Symbol die Barrikade. Sieg hieß die Einnahme und Besetzung der Zentren und Institutionen bürgerlicher Machtausübung. Der Schrecken vor der zunächst plebejischen, dann organisiert proletarischen Besetzung der herrschaftlichen Raumsektoren hielt sich bis in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts - zynischerweise bis zuletzt in den Hirnen der »sozialistischen« Staatstechnokratie. Im entwickelten Kapitalismus hingegen waren seit dem Ende des zweiten Weltkriegs hinreichend polizeistaatliche Präventive und juristische Regelungen erdacht, die den Barrikadenbau von vornherein zum Ereignis sehnsüchtiger Erinnerung machten. Wenn heute die Autonomen Barrikaden bauen, um ihre selbstbestimmten Räume zu verteidigen, ist die aufgezwungene Diskrepanz zwischen ihrem ganzheitlich anderen Lebensanspruch und den anachronistischen Mitteln seiner Verteidigung offensichtlich. Gewonnen werden die Kämpfe auch nicht durch die Polizei, sondern auf dem Rechtswege und mithilfe überwachungstechnischer Beweismittel.
Der Raum der Auseinandersetzung ist zerfahren, fragmentiert, undurchsichtig, vielfältig.

 

Die Jarama-Front

Raum
Der Raum, Räumliches, ist eine dialektische Kategorie der Bewegung und der Verortung von Gegenständlichkeit. Räumliches wird zum Gegenstand begreifenden Denkens, wenn es seine Selbstverständlichkeit verliert. Im Folgenden geht es um den Verlust der Selbstverständlichkeit von Lebensräumen. Die Moderne im räumlichen Zusammenhang kann emphatisch begriffen werden als eine Bewegung vom selbstverständlichen zum selbstbestimmten Raum.

Widersprüche
Der Verlust der Selbstverständlichkeit von Lebensräumen ist ein historischer Prozeß zunehmender Lösungszwänge. Der Begriff der Lösung hat hier eine mehrfache Bedeutung. Er betrifft zum einen das Motiv im Umgang mit Widersprüchen, die sich aus den Formen menschlicher Reproduktion ergeben. Motivisch am Lösen von Widersprüchen ist die Vorstellung ihrer Aufhebung, ihrer Harmonisierung, jedenfalls ihres Ausgleichs. Das christliche Wort von der Erlösung steht dafür. In Wirklichkeit ist die Lösung von Widersprüchen ihre räumliche Freisetzung. Diese räumliche Freisetzung aber ist Lösung auch noch in einem weiteren Sinne: als raumgreifendes, raumeroberndes Verhalten des Menschen ist dies zugleich ein Vorgang seiner Entwurzelung, seiner Lösung und Ablösung vom bisherigen Lebensraum. Dieser Prozeß kann sowohl extensiven als auch intensiven Charakter haben: er ist extensiv, soweit er okkupativ den räumlichen Aktionsradius erweitert. Er ist intensiv, soweit er das bisherige Raumgefüge selbst verändert.

 

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