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form+zweck 4+5

Visuelle Kommunikation. Information Design


 

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Ganz früh in unserem Jahrhundert, gerade als in gewissen Kreisen die Verabredung getroffen wurde, sich nicht länger Dekorateur oder Kunst-Handwerker nennen zu lassen, schenkte ein Mann der Welt die Erkenntnis, daß überschüssige Formkraft ein Verbrechen sei. Zunächst schien er die Henry-van-de-Velde's nur zur Disziplin zu rufen; sie sollten dem rationellen Produktionsprozeß ihr Herzblut nicht entgegenströmen - das kompliziere die Produktionsarbeit und rechne sich nicht. Ein Gutteil der Gründe für diese Argumentation entsprang aber weniger der Sorge um rationalitätsgerechtes Entwerfen als vielmehr dem Ekel, daß Gestaltung, statt sich auf kulturell ermöglichte Einfachheit zu besinnen, auf den Entwurf immer neuer Bedeutungsschichten hinausliefe, mit denen man die Gegenstände persönlich machen könnte. Auf sehr hintergründige Art hat der Beethovenfreund damit auf das Auseinandertreten von gegenständlich-räumlicher Gestaltung und ihrer medialen Vermittlung reagiert. Erst in der digitalisierten Welt offenbart die Ächtung des Ornaments als Verbrechen ihre ganze Dramatik: Welcher Einfachheit, welcher substantiellen Funktion soll der Former heute folgen? Die bits, auf denen die elektronischen Systeme beruhen, sind Informationseinheiten jenseits des kulturellen und symbolischen Raums der Sprache, Schaltvarianten, nichts an ihnen ist Form, ästhetisch gesehen sind sie reiner Inhalt. Die Generation von Gegenständen, Flächen, Layouts, Buchstaben steckt strukturell im ornamentalen Dilemma: alle Gestaltung per Computer erzeugt nur ansetzende Kunstformen, Bedeutungsvermittlungen zum Menschen hin. Es ist kein Zufall, daß die Ablösung des Gestaltungsrepertoires des klassischen Funktionalismus im Zeitalter der elektronischen Medien mit der Frage begann, ob das Ornament nicht schon immer funktional gewesen sei. Zeitgleich expandieren im Sektor ästhetischer Gestaltungsarbeit jene Disziplinen, die informationstheoretisch fundiert sind: die visuelle Kommunikation reicht mit ihrem theoretischen Inventar schließlich bis in den inner circle des klassischen Designentwurfs hinein - Haushaltsroboter mit Brüsten zum Drücken, phallische Kondomautomaten in Sperma-Fließform, Leuchten, die auf den Hund gekommen sind - semiotisch geht die Welt zugrunde. Ernsthafte Versuche, sich den digitalisierten Informationsströmen zu stellen, laufen unter information design - eine Disziplin, die - wie die Rechenmaschine - aus statistischen Gründen entstanden ist. Das Unterfangen, Information zu gestalten, ist, will es nicht bloße Andienung des Menschen an die Maschine sein, noch reines Wunschdenken. Fernsehen als Durchgangsform. Die digitale Struktur ist dem souveränen Gebrauch von vornherein unähnlich - keine Handlung, die zerlegt und nach bestimmten Optimierungskriterien (Rationalität in Fertigung und Gebrauch, ökologische Unbedenklichkeit, Selbstausdruck des Subjekts etc.) neuartig synthetisiert werden könnte. Die crux ist, daß Wirklichkeit in die digitale Struktur erst übersetzt werden muß (translation). Dieser Schritt aber liegt in den Händen der hard- und software engineers, die nicht übersetzen, sondern digital-apparative Möglichkeitsspektren erschließen. Diese Erschließung von digitalen Möglichkeitsräumen ist, gerade im Verzicht aus Translation, Bruch mit der herkömmlichen Welt und ihrer Handlungsorientierungen. Wenn ein Indianer Rauchzeichen sendet, die marines über Flaggenfiguren kommunizieren, so sind diese neuen Medien funktional von den Ursprungsmedien her intendiert - für bestimmte Aussagegehalte wird eine besondre Form der Übertragung gesucht - just like Morse. Selbst der frühantikische Übergang zur alphabetisch gefaßten Sprache, die Zerlegung von Wort- und Silbenbedeutungen in buchstäbliche Grundbausteine, ein Prozeß, der am ehesten noch zur Digitalisierung analog gedacht werden kann, ist vom Lautsprachlichen her bestimmt. Die bits aber kann man weder hören, noch schmecken, sie sind keine Ableitungen von Voraussetzungen, nicht intentional, sondern das GanzAndere. Digitale Information stinkt nicht. Die Devise heißt dann auch nicht mehr Gesamtkunst- sondern Gesamtdatenwerk, denn Information, die nicht stinkt, macht, daß der Computer zu Dir nicht spricht.
So gesehen erscheint das ganze Gerede von der Kreativität, die der Computer ermögliche, als reine Sprechblase: Digitale Technik wird darin noch bewertet nach den Kriterien der alten techné - so, als hätte Gestaltung am human interface - also der eigens für den Menschen eingerichteten Schnittstelle - etwas mit besonderen Fertigkeiten der Hervorbringung zu tun.
Die »neue Sensibilität«, die den mtv-videos anhängt, darf in demselben Maße gefeiert werden, wie die Disziplinierung des Bauern durch die Maschinensysteme der Massenproduktion. Denn die Möglichkeitsspektren, die in den personal computers erscheinen, sind militärstrategischen oder bürokratischen Ursprungs, sie folgen den Selektionskriterien der NASA. Sinnlich gesehen sind wir im Bedienen der digitalen Technik auf den Tiefpunkt animalischer Aggression zurückgefallen: das Bewegungsrepertoire ist beschränkt auf abwartendes Rumsitzen, verkralltes Halten der mouse und einer Tast- und Druckbewegung, die auf seiten des Gegenparts gezielte Reaktionen hervorrufen soll - das ist simples Beutefangverhalten. Die Simplizität wird technisch noch unterstützt: kein Körper mehr - die Fläche wird zum Interface. Was einstmals avantgardistisch genannt wurde, die Entgrenzung der Kunst ins Leben per Gestaltung, ästhetisch der Vorstoß von der Fläche zum Raum, erscheint heute in einer reverse. Und nicht einmal dies scheint das Ende zu sein: wenn voice-interfaces die altmodische Tastatur ersteinmal abgelöst haben werden, steht der Symbiose mit dem digitalen Systems kein Widerstand mehr entgegen - die Grenzen zwischen Mensch und Maschine werden mit bioelektronischen Sonden zersiedelt werden wie die Landschaft am Rande der Metropolen durch die Schwäbisch-Haller Einfamilienhäuser.
Das kirrige Gefühl, das die Ineinssetzung von Ornament und Verbrechen beim heutigen Leser hervorruft, entstammt dem wohligen Einverständnis: was ehemals drastisch gemeint war, Polemik gegen kulturelle Degeneration, ist heute Gegenstand von Identifikation und Unterhaltung - via media ist der Voyeurismus am Verbrechen zum alltäglichen Regenerationsfaktor, ja zur Stimulans geworden. Man muß verbrechen, um innovativ - und das heißt weiter als der Nebenmann - zu sein. Kritik am Ornament hat deshalb heute keinen Nerv mehr, weil das Verbrechen seine substantielle Form verloren hat: mit den Händen wird bestenfalls auf dem Bildschirm getötet. Diesen Zustand von Flimmrigkeit erträglich zu machen, d.h. ihn kulturell zu sedimentieren, dürfte eine der zukunftsweisenden Designaufgaben sein. Es ginge dabei um nicht weniger als um die einverständige Verkehrung des Verhältnisses von Mensch und Maschine, um die Gestaltung einer Abfindung. Die Bedientableaus, die uns - Knöpfe und Zeiger werden weniger - so sirenisch ihre Tasten und Schirmchen entgegenleuchten sind schon inauguriert als nervöse Schnittstellen zum nach außen gestülpten Zentralnervensystem - ein Glück, daß Du tot bist, Adolf Loos.