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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

Michael Klar

Globoskope

 

Seit 1990 entwickeln Regina Halter und Bernd Meurer in gemeinsamer Verantwortung das Projekt »Laboratorium der Zivilisation«. Ursprünglich war vom Werkbund an eine Akademie gedacht, nun soll es um praktisch-experiemtelle wie theoretisch-diskursive Arbeit an solchen Problemen gehen, die, fern von Lösungen, zunächst in eine greifbare Bewegungsform gebracht werden müssen. Ende letzten Jahres fand in Darmstadt eine hochdotierte Arbeitstagung statt. Michael Klar arbeitete in deren Folge seinen Vorschlag zur Sichtbarmachung globaler Entwicklungen, das Projekt »Globoscope« aus.


Nicht Datenmangel, sondern ins Unendliche wachsende Daten- und Informationsmengen erschweren die Lesbarkeit einer immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Welt. Täglich verbreiten die Agenturen der Propaganda- und Informationsindustrie weltweit Milliarden Einzeldaten. Kriege, Hunger, Umwelt- und Verteidigungsprobleme schrumpfen am Bildschirm zwischen Werbung und Wetter zu Videospielen. Die fortschreitende informationelle Zerstückelung der Welt in beliebig austauschbare Informationspartikel absorbiert die Fähigkeit, zwischen wichtig und unwichtig, wahr und falsch, Sinn und Unsinn zu unterscheiden. Zwischen reizgeladenen Pseudoereignissen verschwinden weltbegründende Sachverhalte im telematischen Raum. Die enorme Beschleunigung des Informationsumschlages erzeugt eine Maßstabslosigkeit ohne Zeit und Raum, in der es kein Zurück, kein Verweilen, kein Nachfragen und Bewerten mehr gibt. In dieser totalen Beliebigkeit scheint alles gleich und gleichzeitig und hinterläßt den Eindruck, die Welt, getrieben von anonymen Mächten, sei eben schön, bunt und brutal. Dies erzeugt ein Gefühl von orientierungsloser Ohnmacht und den Verlust individueller und gesellschaftlicher Urteils- und Erkenntnisfähigkeit. Gerade darauf aber ist die moderne Zivilisation in höchstem Maße angewiesen, wenn sie sich demokratisch begreifen will. Wenn Kommunikation ein konstituierendes vernunft- und erkenntnisstiftendes Lebensmittel ist, müßte es Aufgabe eines zukünftigen »Laboratoriums der Zivilisation« sein, sich besonders mit dem Problem der Information und Kommunikation auseinanderzusetzen. Vor dem Hintergrund einer sich zuspitzenden informationellen Desorientierung könnte das Problem der Sichtbarmachung, der Lesbarkeit der Welt, der Veranschaulichung existenzbestimmender Sachverhalte und deren globaler Zusammenhänge zu einem Projekt der Aufklärung werden. Die Frage ist, wie ein ständig anwachsendes Wissen, das zunehmend Expertenwissen ist, so transformiert und veranschaulicht werden kann, daß es der Weltöffentlichkeit zum emanzipierten Diskurs und Gebrauch zur Verfügung steht. Wie lassen sich Information und Kommunikation zur Sichtbarmachung von Welt als Mittel der Verständigung über mögliche Zukunftsentwürfe sinnvoll einsetzen? Zu entwickeln wäre ein räumlich erlebbarer Orbis pictus, ein sich ständig aktualisierender Almanach, ein dreidimensionaler Weltatlas der globalen Sachverhalte und Prozesse, ein »Globoscope«. »Globoscope« ist zu verstehen als ein Projekt der ständigen Rekonstruktion und Konstruktion der Welt im Modell auf verschiedenen Informationsebenen. Diese Welt im Modell ist eine didaktische globale Zusammenschau von Daten, Strukturen, Prozessen und Interdependenzen, von Geschichte, Ökonomie, Politik, Energien, Gesundheitswesen, Population, Bildung, Ausbildung, Politik, Ökologie, Geodaten, Klima und so weiter. Das Projekt »Globoscope« nutzt zur Vermittlung und thematischen Darstellung der verschiedenen Ebenen modernste Kommunikationstechnologien wie zum Beispiel Groß- und Mehrfachprojektionen, Bildplatte, Simulationstechniken, digitalisiertes Video, Cyberspace und interaktive Kommunikationssysteme. Neben der Veranschaulichung der historischen und Gegenwartsebenen mit verschiedenen Horizontal- und Vertikalschnitten können Simulationen von Ist-, Soll- und Möglichkeitsszenarien sowie deren Wirkungen und Folgen erprobt werden. Diese multimediale, räumliche Installation wird ergänzt durch einen TV-Kanal, der sich ausschließlich mit Fragen der anschaulichen Vermittlung globaler Umweltdaten, Sachlagen und Prozesse befaßt. Begleitend könnte eine interaktiv zu nutzende, vernetzte Datenbank sowie ein globaler Atlas erstellt werden.


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