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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Jacqueline Berndt

Im Land der Bilder

 

Fährt man in einem der Ballungsgebiete Japans mit der S-Bahn, hat man verschiedene Möglichkeiten, die Zeit ohne Sitzplatz zu überstehen: Man kann sich beispielsweise in die über den Köpfen hängende Reklame vertiefen und so die Headlines der aktuellen Wochenzeitschriften, Ausstellungsankündigungen und Taschenbuchneuerscheinungen überfliegen - oder aber man liest den Comic seines Nebenmanns mit.
Vor allem in den vergangenen zehn Jahren gewann der Manga, wie er in Japan genannt wird, eine Popularität, die weltweit vielleicht einzigartig ist. Zumindest außergewöhnlich genug, um seit etwa drei Jahren selbst in Deutschland wahrgenommen zu werden. 1989 wurden insgesamt 1,9 Mrd. Manga-Zeitschriften und Bücher in Japan verkauft, Umsätze von 496,2 Mrd. Yen damit erzielt. Ein Drittel aller Druckerzeugnisse sind Manga. Die auflagenstärkste Zeitschrift »Shônen Jump« erscheint 1991 wöchentlich mit mehr als fünf Millionen Exemplaren, in vorrangig monochromem Druck auf Recycling-Papier und zu einem äußerst erschwinglichen Preis. Nach Gebrauch bleibt sie meist auf den Ablagen der Bahn zurück (ein anderer mag danach greifen) oder wandert in den nächsten Papierkorb. Wo auch sollte man sie aufbewahren unter den beengten Wohnverhältnissen? Manga sind zum größten Teil Wegwerflektüre. Sie sind dazu da, in Kürze ein Höchstmaß an (sachlichen wie emotionalen) Informationen zu vermitteln. Die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit beträgt 16 Seiten pro Minute. Das paßt in die japanische Gesellschaft der Gegenwart, die einer hochgradigen Rationalisierung der Zeit folgt, nicht nur während der Arbeit, sondern auch in freien Stunden. (Elektronische Taschenkalender zücken selbst Studenten unentwegt.)
Manga lesen Mittel- und Oberschüler, aber auch Angestellte, »Office ladies« und Hausfrauen bis in die Generation der 40jährigen hinein und neuerdings sogar Rentner. Jeder Adressatengruppe gehört ein Bereich mit speziellen Zeitschriften und Buchreihen, obgleich in letzter Zeit Fixierungen zurückgehen. Am auffälligsten ist die bis in die Comics hineinwirkende Geschlechterpolarisierung: Der Mädchenmanga, vornehmliches Feld von Zeichnerinnen seit den 60er Jahren, verfügt über seine eigenen Stoffe und seine eigenartige Ästhetik. Die Heldinnen zeigen recht unjapanisch lange, gerade Beine, helles Wallehaar und große Augen, in denen kleine Sterne funkeln, und zugleich eine typisch japanische weibliche Gestik, mit z. B. vor den lachenden Mund gehaltener Hand. Thematisiert wird über innige Mädchenfreundschaften und romantische Liebessehnsüchte ein Wunsch nach ewiger Jugend - erwachsen werden heißt, den sozialen und Geschlechterrollen gerecht werden zu müssen.
Es dominiert der Story-Manga, der seit den 50er Jahren Karikatur bzw. Cartoon wie Comic strip weitgehend verdrängte. Bestimmte sich der Manga Anfang des 20. Jahrhunderts vorrangig durch Satire und Situationskomik, wozu seit den 20er Jahren erzählende Formen für Kinder kamen, so trat nach dem Krieg eine Zeichnergeneration an, die das vollhalsige Lachen aus dem Manga wies, ihn psychologisierte und literarisierte. Sie wandte sich an jugendliche und erwachsene Leser, unterstützt durch die Ende der 60er Jahre nicht zuletzt im Kontext der Studentenbewegung aufkommenden Jugendzeitschriften. Die inhaltliche Breite des Story-Manga reicht heute vom Comic-Roman bis zum Sachbuch. Symptomatisch für den neuen Trend, sich über erzählende Comics Wissen anzueignen, war der 1986 veröffentlichte Bestseller »Japan GmbH. Eine Einführung in die japanische Wirtschaft« des Zeichners und Autors Ishinomori Shôtarô (dt. bei Rentrop-Verlag, Bonn - eine Ausnahme auf dem deutschen Comic-Markt). Diese »Sachbuch-Manga« sind als Einstieg in die Probleme des Geschäftslebens, der Literaturgeschichte, der Frauenbewegung oder von Aids durchaus nicht zu unterschätzen. Sie stimulieren die Festigung von Faktenwissen ebenso wie mühseliges Vokabeltraining.
Als eingängige, überall und lautlos rezipierbare Medienprodukte, die Informationszuwachs und/oder einen intensiven Rückzug aus der Außenwelt gewähren, wurden die Manga gerade in einer Zeit enorm populär, da Japan sich zur Informationsgesellschaft entwickelte. Von 1980 bis 1990 verdreifachte sich die Menge der täglich zu bewältigenden Informationen, während die technologischen Verarbeitungskapazitäten nur um 20% stiegen. Der sich potenzierende Informationsumschlag trifft auf eine Wahrnehmung, die in der Lage sein muß zu selektieren, ohne jene Komplexität zu reduzieren, welche sowohl technisch-organisationelle Innovativität ermöglicht als auch subjektive Lebbarkeit in geregelten Gemeinschaftsstrukturen. Hier setzt Visualisierung ein - die Flut der ikonischen Bilder.

 

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