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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Thomas Rurik

ISOTYPE

 

ISOTYPE ist das Markenzeichen für eine in Wien entworfene Methode der Bildstatistik. In den zwanziger Jahren unternahm Otto Neurath in gedanklicher Korrespondenz mit Diskussionen im »Wiener Kreis« den Versuch, wissenschaftliche Zusammenhänge in einer dem Laien verständlichen Art zu popularisieren. Sogar an ein »Museum der Zivilisation« war gedacht. Der gedankliche Ansatz faßte mehr als die bloße Verbildlichung von Datenmengen, wie sie heute in Form von Pictogrammen oder Meinungstorten irgendwelcher Umfrageinstitute in Gebrauch sind.
In der Fachhochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd ist diese Methode zu neuem Leben erweckt worden. Zwei Studenten haben zunächst die Geschichte der ISOTYPE in einer Ausstellung rekonstruiert und in einer nachfolgenden Diplomarbeit versucht, die Methode der Bildstatistik auf die Bedingungen des Computers zu modifizieren, um immer komplizierter werdende Informationszusammenhänge einem breiten Publikum zugänglich zu machen - einen Weg zu finden zur »Verständlichkeit der Welt«.

Otto Neurath (1882 - 1945), der sich zu Beginn des Jahrhunderts mit der Wiener Siedlungsbewegung und dem Städtebau auseinandersetzte und sich um Fragen der Arbeiterbildung verdient machte, gründete mit bildstatistischen Erfahrungen dieser Zeit 1924 das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien, das am 1. Januar 1925 seine Arbeit aufnahm. Vereinfachte Mengenbilder sich merken, ist besser als genaue Zahlen vergessen. Mit dieser Gestaltungsphilosophie begann das Wiener Museum unter Neuraths Leitung und der Mitarbeit von Marie Reidemeister (später Neurath), Bildstatistiken zu erstellen, die schon bald als Wiener Methode bekannt wurden. Zahlreiche Veröffentlichungen und Ausstellungen rechtfertigten in den Jahren danach die Bedeutung des sich ständig erweiternden Museums.
Mit dem konstruktivistischen Zeichner Gerd Arntz, der 1929 zu Neuraths Team kam, wurde ein einheitlicher visueller Stil geprägt, nicht zuletzt wegen des von ihm eingeführten Linoleumschnittes als Mittel der Vervielfältigung.
Mitte der dreißiger Jahre wurde aufgrund der internationalen Ausbreitung (ab 1930 durch Rudolf Modley in den USA, 1931 - 1934 in Moskau und ab 1935 in den Niederlanden) der neue Name ISOTYPE für die Methode der Bildstatistik verwendet (International System of Typographic Picture Education).
Otto und Marie Neurath entkamen 1940 den Nationalsozialisten nur knapp auf ihrer Flucht über Holland nach Großbritannien. Nach dem Tode Otto Neuraths im Jahre 1945 verfolgte Marie Neurath die Methode der internationalen Bildersprache bis in die siebziger Jahre weiter.
Wien (1925 - 1934), Den Haag (1934 - 1940), Oxford (1941- 1945) waren Etappen einer gestalterischen Bewegung, die den Entwurf sozialer und politischer Realität immer mit dem konkreten Leben verbinden wollte.

Wissenschaftliche Weltauffassung, Bildung und Alltagsleben
In den zwanziger und dreißiger Jahren waren in Wien Wissenschaftler und Philosophen bemüht, einen Zusammenhang zwischen Wissenschaft, Bildung und Arbeit herzustellen. Der »Wiener Kreis«, Mitglieder eines Diskussionszirkels um Moritz Schlick sowie des Vereins Ernst Mach (zum Beispiel Rudolf Carnap, Hans Hahn, Otto Neurath, Friedrich Waismann, Edgar Zilsel, weniger Ludwig Wittgenstein) beschäftigten sich mit einer Neugestaltung wissenschaftlicher und philosophischer Arbeit, mit Schulreform und Volksbildungsarbeit.

 

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