s_fz4_5klein.jpg

 

form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Gui Bonsiepe

Kartographie des Projektes der Modernität

 

I miei ringraziamenti alle autorità della Triennale di Milano, e alle autorità della Facoltà di Architettura - Politecnico di Milano, in Particolare al Dipartimento di Programmazione, Progettazione e Produzione Edilizia.

Die beiden zuletzt genannten Institutionen haben meine Teilnahme an dieser Zusammenkunft zur Würdigung von Tomás Maldonado ermöglicht - der Große Tomás, wie seine Schüler und Freunde ihn nennen - der Temible Tomás, wie ihn die weniger Vertrauten bezeichnen.

Ich bin mir bewußt, daß der Gewürdigte es nicht sonderlich gern hat, während eines ganzen Tages seine Person gleichsam als Kultobjekt in den Mittelpunkt einer Veranstaltung gestellt zu sehen, wenngleich ich annehme, daß es mir gestattet ist, zumindest gelegentlich seinen Namen in diesem kurzen Beitrag zu erwähnen. Denn schließlich haben sich hier Personen zusammengefunden, nicht, um einen reglosen Stein anzubeten, sondern um dem Werk einer Person Tribut zu zollen, die hier und jetzt anwesend ist.

Folglich richtet sich meine Mini-Laudatio auf Maldonados umfangreiches theoretisches Werk, von dem ich nur einen Punkt herausgreifen möchte, der als das Wesentliche erscheint, zumindest für mich und meine Arbeit in der Peripherie seit vierundzwanzig Jahren.

Im Mittelpunkt des Maldonado'schen Diskurses steht die Entwurfsdimension der Modernität, das Zwiegespann Entwurf und Modernität - Begriffe, die miteinander verschränkt sind. Dieses Binom spaltet sich in zwei Bereiche:

- einerseits die Modernität als Gegenstand der Entwurfsintelligenz;

- andererseits der Entwurf als herausstehendes Merkmal der Modernität, gleichsam als ontologische Konstante.

Die Radikalität dieses Ansatzes läßt sich schwerlich überschätzen - eine Radikalität, die sich sowohl durch die Kühnheit der Thesen wie auch in der Stringenz der Folgen bekundet.

Die Diskurse, die sich mit der Thematik der Modernität aus wie auch verschiedener Sichtweise beschäftigen, haben nie die Entwurfsdimension angepeilt. Im Chor der Diskurse war der Entwurf - und außerhalb Italiens ist er es noch - der große Abwesende, die gähnende Leerstelle, überdeckt vom Mantel kollektiver Gleichgültigkeit. Der Entwurf bildet nicht Teil der akkreditierten Themata in der kulturellen Debatte, wie es vergleichsweise Braudel angesichts der Veröffentlichungen über die traditionelle Geschichte bemerkte: in ihnen sei der Mensch ein Wesen, das weder ißt noch trinkt.

Selbst in den Texten der sozialen Handlungstheorie wurde bislang nicht die Frage gestellt, welche Kräfte denn das Arsenal der gegenständlichen und kommunikativen Artefakten formen, daß sie so sind, wie sie sind. Offenbar werden sie als gegeben vorausgesetzt und nicht hinterfragt, als ob sie gleichsam durch einen Zauberakt in die Welt springen oder aus dem Vorhandensein einer privaten Faxverbindung zu höheren Sphären resultieren.

Maldonado hat diese Unterlassungssünde hinsichtlich des Entwurfs berichtigt. Mit seinem Essaywerk meißelt er Stück für Stück ein Gebäude von Argumenten heraus, die es ermöglichen, die Welt aus der Sicht der Entwurfsvernunft zu reinterpretieren. Dabei wird der Entwurf nicht einfach als nebenherlaufende Erscheinung oder als Unterthema der Modernität gefaßt, sondern im Gegenteil als die treibende Kraft.

Im Entwurfshandeln kommt die Modernität zu sich. Radikal modern sein bedeutet: die Zukunft erfinden, entwerfen und gliedern, einschließlich der Zukunft eben dieser Modernität.

Eine so weit ausholende Deutung übersteigt die Grenzen des Entwurfs materieller und kommunikativer Werkzeuge, ihrer Herstellung, des Vertriebs, ihrer Nutzung und des Verbrauchs, wenngleich die Industrie eng mit dem Begriff der Modernität verknüpft ist. Auf die Industrie als Medium, in dem das Projekt der Moderne verwirklicht wird, hat Maldonado wiederholt rekurriert und damit ein weiteres Schweigethema aus der Zone des Vergessens gerissen.

Er zielt hinaus über die herkömmlichen Entwurfsdisziplinen wie Architektur, Industriedesign, Graphikdesign und Modedesign, die alle nur einen kleinen Sektor des Universums des Entwurfs ausmachen. Zur gleichen Zeit aber kann der Maldonado'sche Diskurs als ein Unternehmen betrachtet werden, die genannten Entwurfsdisziplinen aus ihrem theoretischen Marasmus zu befreien und auf ein Niveau zu liften, auf dem man mit Strenge über sie reden kann.


... lesen Sie weiter in form+zweck 4+5: Visuelle Kommunikation. Informations Design ...