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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Simone Hain

Kultur und Kohle/Mart Stam in der DDR

 

»Tag und Nacht rauchen dort die Schornsteine, die Luft ist dunstig und benimmt den Atem, Staub und Ruß bedecken die Straßen.« Mit diesen Worten beschrieb das »Neue Deutschland« am 4.10.1949 die Situation in der Industriegemeinde Böhlen. Drei große ortsansässige Betriebe, das Benzinwerk Böhlen allein mit 6000 Beschäftigten, das »Brennstoff«-Kombinat Böhlen und das Kraftwerk Böhlen sowie der benachbarte Brennstofferzeuger »Brikett« in Espenhain mit eigenem Tagebau waren die Verursacher dieses ökologischen Notstandes.

Die Entwicklung der Region zu einem altindustriellen Krisengebiet hatte massiv im ersten Weltkrieg eingesetzt, als aus strategischen Gründen die chemische Industrie von Ludwigshafen nach Leuna-Merseburg verlagert worden war. Dieser Standortbildung folgend waren in den dreißiger Jahren die Karbochemie (I.G. Farben) und der Braunkohlenabbau weiter ausgebaut worden. Das hatte hochgradige Schäden an der Natur und eine unerträgliche Belastung für die Bewohner zur Folge, wie bereits 1949 in einer umfangreichen Studie unter Leitung Reinhold Lingners, der »Landschaftsdiagnose der DDR«, nachgewiesen wurde. Neben diesen gravierenden Umweltproblemen galt die Region aber auch als kulturelles und ideologisches Ödland: War doch das Benzinwerk »nationalsozialistischer Musterbetrieb« gewesen und galt der SED die Belegschaft, vor allem die technische Intelligenz, als stark befangen und reserviert. Ihre Haltung oder aber auch nur das Mißtrauen seitens der neuen Betriebsleitung gegenüber den ehemals engagierten Nationalsozialisten behinderte den energischen Wiederaufbau des Betriebes, auf den in Kriegstagen 1400 Sprengbomben niedergegangen waren. Die amerikanischen Besatzungstruppen hatten zudem bei ihrem Abzug alle Produktionsunterlagen mitgenommen. Für den Wiederaufbau der Industrie in der sowjetisch besetzten Zone aber waren die Böhlener Kapazitäten unverzichtbar, sie wurden als Unternehmen in Form einer Sowjetischen Aktiengesellschaft fortgeführt. Doch wie nur sollte man sich gegenüber den »Altlasten« verhalten? Wie hoch würden die Lebensverhältnisse der Menschen im angestrebten gesellschaftlichen Wandlungsprozeß veranschlagt werden? Würde die Industrie angesichts der bedrohten Naturpotentiale in die Schranken gewiesen werden können? Wie wäre Wiederaufbau mit der wünschenswerten Sanierung der Landschaftsräume zu vereinbaren?

Die Antwort auf diese Fragen machte im Sommer 1949 große Schlagzeilen in der Presse und rückte »Böhlen in den Blickpunkt unserer Zone« (Leipziger Volkszeitung, 26.8.49). »Die Leitung der SAG (der Sowjetischen Aktiengesellschaft - S. H.) hat für die Verbesserung der kulturellen und Lebensbedingungen der Arbeiter und Angestellten des Böhlener Kombinats 35 Millionen DM zur Verfügung gestellt. Mit diesen Mitteln werden ein Kulturpalast, ein Sanatorium (in Bad Elster - S. H.), ein Gebäudekomplex für den technischen Lehrbetrieb«, kulturelle und soziale Einrichtungen sowie ein weiträumiger Park mit Sportanlagen angrenzend an den Auenwald der Pleiße errichtet werden. Die Freigabe der Mittel für die ökologisch belastete mitteldeutsche Krisenregion ist einerseits ein Beleg für das durchaus hochentwickelte Problembewußtsein und darf - drei Jahre nach Kriegsende und in Anbetracht laufender Reparationsleistungen und fortgesetzter Demontagen anderenorts - durchaus auch als ein Geschenk der Sowjetunion an die Werktätigen der Ostzone angesehen werden. Der Vorgang übrigens hat ein wesentlich prominenteres polnisches Pendant, das den Böhlener Kulturpalast gewissermaßen als den kleinen Bruder des Warschauer Kulturpalastes erscheinen läßt. Unverzüglich ging ein Dankestelegramm der Belegschaft denn auch an den »Generalissimus« und in der Leipziger Volkszeitung hieß es am 30.7.1949: »Die Tatsache, daß die sowjetische Besatzungsmacht dem deutschen Volk praktische Hilfe erweist, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ein Kulturpalast für Werktätige von Großbetrieben: Das ist eines der Zeugnisse für die große Veränderung unserer Epoche, in der die werktätigen Menschen zu Herren des Lebens und der Gesellschaft werden.« »In einer sofort einberufenen Sitzung der Kulturdirektoren, Betriebsgewerkschaftsleitungen und der Direktoren aller drei Werke wurde beschlossen, die Bauleitung der einzelnen Objekte aufzuteilen. Verantwortlich für den Bau des Kulturpalastes ist das Benzinwerk.« Im Kostenvoranschlag, der Generaldirektor Schitnik zur Bestätigung eingereicht wurde, waren für den Kulturpark insgesamt 14.300.000,- DM vorgesehen, für die Gebäude allein 8 Millionen Mark zuzüglich von 3,8 Millionen für die gesamte Innenausstattung bis hin zu Ausgaben für die Bildkunst. Welche Herausforderung für Architekten!


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