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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

Peter Wildbur

Micro Gallery

 

Sensationell Aufgemachtes über Hardware und Software ist häufig anzutreffen - die hochtrabenden Beschreibungen sind meist enttäuschend. Sehr selten gibt es qualitative Fortschritte gegenüber vorher bekannter Technik. Zum Teil liegt das an der Schwierigkeit, den Bildschirm des Computers feine Details auflösen zu lassen. Ein weiterer Grund ist ein primitives Interface zwischen Benutzer und Bildschirm - oft Tastatur oder Maus; beide bringen physische Ablenkung und Zeitverzug mit sich. Angenehm überrascht war ich allerdings durch die Möglichkeiten, den wissenschaftlichen Gehalt, die Farbqualität und besonders die leichte Benutzbarkeit des Micro-Galerie-Systems.

Die Micro-Galerie ist Teil des vergangenen Sommer der Öffentlichkeit zugänglich gemachten neuen Sainsbury-Flügels der Londoner National Gallery. In einem eigenen Raum befinden sich zwölf Apple-Macintosh-Arbeitsstationen, und jede bietet den Besuchern eine interaktive visuelle Enzyklopädie der über 2000 westeuropäischen Gemälde vom 13. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, die die Galeriesammlung enthält.

Die Micro-Galerie besteht aus zwei Bereichen: Am Eingang befindet sich eine der Einführung dienende Anordnung von drei Bildschirmen, wo Besucher mit dem System experimentieren können. An besonders gefragten Tageszeiten bildet sich dort eine kleine Schlange, und der Lernprozeß zur Benutzung des Systems kann durch einen Blick über die Schulter des gerade den Computer Benutzenden beschleunigt werden. Hinter einem mit Personal besetzten Empfangsbereich gibt es weitere sieben Arbeitsstationen, wo jeweils bis zu drei Besucher an einem Terminal Platz nehmen können.

Mit diesem Multimedia-System kann der Gelegenheitsbesucher in der Sammlung umherstöbern und schließlich einen Rundgang nach erarbeitetem »persönlichen Plan« ausgedruckt bekommen, der die Stelle aller ausgewählten Gemälde in den Hauptgalerien angibt. Für den ernsthafteren Besucher oder den Forscher fungiert das System als umfassende Datenbank aus Bild und Text nach vier Hauptkategorien: Künstler, Genre, historischer Atlas, allgemeine Informationen.

Für Besucher, die ein bestimmtes Gemälde oder Werke eines bestimmten Künstlers sehen wollen, lohnt es sich, erst in die Micro-Galerie zu gehen und zum Überblick über das Thema das Gemälde oder den Künstler aufzurufen. Will der Besucher zum Beispiel Paolo Ucellos »Schlacht von San Romane« sehen, kann er das Gemälde zusammen mit historischen Anmerkungen aufrufen, dann zur Betrachtung des ursprünglichen Kontextes des Gemäldes - als Teil eines Triptychons in einem Medici-Palast - übergehen und sich ansehen, wo sich die übrigen beiden Gemälde der Gruppe jetzt befinden. Weitere Bildschirmanzeigen berichten über die Entwicklung der Perspektive bei Ucello oder über zeremonielle Turniere und Sportarten jener Zeit, die nach Meinung der Forscher der Darstellung zugrunde lagen.

Ein Grund für die Popularität der Micro-Galerie ist, daß sie auf die übliche Tastatur oder Maus verzichtet, die dem Laien noch immer die Lust verleiden. Vom Benutzer wird nur verlangt, den Bildschirm, wenn er zur nächsten Seite übergehen will, an einer bestimmten Stelle zu berühren. Das Wort »Seite« ist ein guter Vergleich, denn man braucht für den Wechsel der Bildschirmanzeige etwa die gleiche Zeit wie für das Umblättern eines ziemlich großformatigen Kunstbuches. Diese Geschwindigkeit ist angesichts der mit vielen Computerprogrammen verbundenen großen Verzögerungen sehr willkommen, wird allerdings auf Kosten eines gewissen Verlustes an Farbwerten bei den Gemäldeabbildungen erzielt. Dennoch beeindruckten mich Schärfe und Qualität dieser Farbreproduktionen.


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