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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Beate Mechthild-Schulz

Müll

 

2. Sammlung und Abfuhr von Müll

 

Von der Müllbeseitigung zur »totalen« Verwertung

Der hier nur ausschnitthaft wiedergegebene Abriß der Müllerfassungs- und Transportsysteme zeigt die Intensität, die die industrialisierte Gesellschaft bei der Verlagerung von Müll entfaltete. Dabei erwiesen sich die herkömmlichen landwirtschaftlichen Verwertungsverfahren angesichts der industriellen und städtischen Müllmenge und -qualitäten als antiquiert. Sie wurden durch die außerstädtische Deponierung von Müll zurückgedrängt. Müllstapelung und Müllverkippung (in die See) - die ältesten Verfahren der Müllbeseitigung (vgl. 3. Moses 4, 11 und 12) - zeigten in der industriellen Gesellschaft sehr schnell ihre landschafts- und gesundheitsschädigenden Folgen. Müllverbrennung, Müllschmelze und die Verwertung der dabei anfallenden Rückstände, wie sie erstmalig in England betrieben und um 1900 auch in Deutschland probiert wurden, kündigen einen Umschwung im »Müllverhalten« auch bei der Industrie an. Kriegs-, Krisen- und also Hunger- und Mangelzeiten hielten den Gedanken der Nachhaltigkeit und möglichst völligen Ausnutzung an- und abfallender Stoffe im Bereich des Haushalts zumindest bei den unteren Schichten notwendig wach. So sollte zum Beispiel ein 1896 in New York entwickelter »Hausmüllverkohler« unter Ausnutzung der in den Schornstein abziehenden Hitze funktionieren. Die Abfälle wurden zur Trocknung in eine Schublade gefüllt, die sich im Abzugsrohr der Kochmaschine befand. Die getrockneten Rückstände sollten dann am Morgen zum Anheizen der Öfen genutzt werden. Da dieses Verfahren jedoch keine Systemlösung darstellte, geriet es in Vergessenheit.

In Deutschland wurden besonders in den Jahren des Dritten Reiches technische Projekte erstellt, die eine Verwertung des Mülls zum Inhalt hatten. Man dachte damit die Rohstoffrage zu lösen und von Importen unabhängig zu werden. Hier ist ein Motivwandel für Experimente und Entwicklungen festzustellen: weder ging es um die hygienisch einwandfreie Beseitigung von Müll, noch um Transportkostensenkung und Volumenreduzierung, sondern einzig um Rohstoffgewinnung aus Abfallmaterialien.

Bekannt war 1937 das sogenannte Aretz-Verfahren, das mit Hilfe von chemischen Zusätzen und Kochvorgängen Grobmüll zu Faserstoffplatten aufbereitete. Die Eigenschaften dieser Platten sollten universell sein und viele Anwendungen finden. Weitere Verfahren beschäftigen sich mit der Herstellung verschiedener Leichtbauelemente aus Müllschlacken oder direkt aus dem Müll, mit der Herstellung von Bodenestrich aus Abfallstoffen und mit der Herstellung von Isolierstoffen. Diesen Verfahren gemeinsam ist die Nutzung von Müll und Abfallstoffen und deren Umwandlung zu homogenen Massen für das Baugewerbe zwecks Substitution teurerer herkömmlicher Baustoffe. Es handelt sich hierbei allerdings größtenteils um Patente, deren Wirtschaftlichkeit wenig bewertet werden kann.

Der Verlust der herkömmlich reproduktiven, landwirtschaftlichen Verwertungsverfahren und die Unterordnung von Landschaft unter Industrie und Stadt zeigen sich nicht zuletzt an der veränderten Haltung zum Boden. Im Zuge von Meliorationsvorhaben kam es - besonders im Weichbild der Großstädte - zu einem massiven Einsatz von Müll zu »planender Schüttung«, die Geländeunterschiede ausgleichen und die Böden verbessern sollte. Erzielt wurden andere Bodenkonsistenzen, eine Neutralisation saurer Wiesen und Moore und die Verrottungsprozesse führten zu Humusbildungen. 1880 bis 1890 erfolgte die Melioration der sumpfigen Naukschen Köllnischen Wiesen bei Rixdorf, 1914 in Spreenhagen die Melioration der Felder durch Kriegsgefangene. Und ab 1898 wurde das Dachauer Niederungsmoor in Puchheim bei München durch Restmüllmengen der Sortieranstalt melioriert. Ging es bis dahin um Experimente und örtliche Großversuche, so gewann das Meliorationsverfahren gegen Ende der zwanziger Jahre immer stärkere Bedeutung. 1922 wies der preußische Landwirtschaftsminister auf die Meliorationskraft des Mülls hin und forderte die Städte zur Ausnutzung dieser Methode auf - es ist das billigste und einfachste Verfahren, das lediglich Transport, Lagerung und Verteilung des Mülls erforderte, keine ungenutzten Stapelplätze auf lange Zeit erzeugte. Schon nach kurzer Frist verschwand der Müll aus den Augen der Bürger. Wo es in Deutschland an Ödländereien zur Deponierung oder Melioration von Müll ermangelte, wurden »kulturtechnische Arbeiten« in Angriff genommen, wie zum Beispiel die Aufschüttung von Müllbergen, deren Bepflanzung und schließliche Nutzung als Erholungsgebiet (Scherleberg in Leipzig, Frankfurt/M., Breslau). Auch die Verkippung von Müll in Stadtseen (Berlin: Wilmersdorfer See, Kraussche Teiche in Lichtenberg) erfüllten das Ziel schneller Beseitigung großer Müllmengen. Gleiches gilt für Planierungsarbeiten von Flugplätzen (Berlin-Tempelhof), die teilweise unter Außerachtlassung hygienischer Vorschriften erfolgten.


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