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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Klaus Körner

Politische Kleinschriften

 

A. Was sind politische Kleinschriften?

1. Ausgelesene Bücher werden bei uns nicht weggeworfen, sondern aufbewahrt. Bücher sind nicht nur ein Medium, sie sind auch Einrichtungsgegenstände, sollen nach etwas aussehen. Aber es gibt eine zweite Kategorie von Schriften, die nicht zum Aufbewahren bestimmt sind, sondern zum Wegwerfen nach Gebrauch wie alte Zeitschriften: Kleinschriften. Dazu gehören Flugschriften, Wahlkampfbroschüren, Behörden-Veröffentlichungen, religiöse Traktate, Prospekte, Leseproben und Gebrauchsanleitungen.

2. Von ordentlichen Büchern unterscheiden sich diese Schriften auf drei Arten. Zunächst durch die einfache Ausstattung, geringen Umfang und besondere Gestaltung. Sie haben keinen festen Einband, der Umschlagkarton muß zugleich die Aufgabe des Werbe-Schutzumschlags übernehmen. Anders als beim sogenannten seriösen Buchdruck orientiert sich die Kleinschriftengestaltung an der Graphik anderer Gebrauchsdrucksachen, die durch kurzfristige Modeströmungen gekennzeichnet ist. Daher wirken diese Akzidenzdrucke im Rückblick etwas komisch. Zweitens: Bücher sind nicht nur ein Kulturgut, sie sind auch eine Handelsware. Kleinschriften werden dagegen nicht zum Verkauf an die Leser produziert, ihre Verbreitung soll übergeordneten werblichen Zwecken dienen. Die gelegentlich erhobene Schutzgebühr dient mehr der Vertriebssteuerung und der Deckung der Unkosten. Das dritte Merkmal ist der Vertrieb außerhalb der normalen Wege des Buchhandels, so die Zugabe bei Kauf anderer Artikel, das Verteilen auf der Straße, der Versand durch die Post bzw. als Postwurfsendung, der Abwurf aus dem Flugzeug oder der Abwurf mit Ballons.

Für die gesamte außerhalb des Buchhandels verbreitete Literatur hat sich die Bezeichnung »graue Literatur« durchgesetzt, hierzu gehören also auch die Kleinschriften. Politisch wird die Kleinschrift durch die Bestimmung des Verfassers oder durch die Aufnahme beim Leser.

3. Die Literaturwissenschaft hat sich der Trivialliteratur und der Gebrauchsliteratur längst angenommen. In politikwissenschaftlichen Abhandlungen zur Parteiengeschichte und in Wahlkampfanalysen kommen die Kleinschriften teilweise vor. Die Zeitgeschichtsschreibung hat sie - jedenfalls für die Zeit nach 1950 - kaum berücksichtigt, und in der Publizistik sind sie ein »Medium im Abseits«. Dabei gelten Flugschriften als wichtige Quellen für die Zeit der Reformation und der Bauernkriege oder für die Zeit der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848. Die antifaschistischen Flugschriften des deutschen Widerstands und Exils gelten heute als Nachweis dafür, daß es zwischen 1933 und 1945 auch ein »andres Deutschland« gab. Gegenüber ordentlichen Büchern versuchten Flugschriften stets aus aktuellem Anlaß eine größere Öffentlichkeit anzusprechen, selbst wenn in früheren Jahrhunderten nur fünf Prozent der Bevölkerung des Lesens kundig waren. Im »Zeitalter der Massen« hat die Bestimmung dieser Schriften zur Massenlenkung eher zugenommen.

4. Die tatsächliche Wirkung dieser Schriften ist dagegen nur schwer bestimmbar. Eine Marktforschung, wie sie Großverlage für Zeitschriften und Zeitungen oder Rundfunk- und Fernsehanstalten für Einschaltquoten betreiben, gibt es dafür nicht. Es lassen sich allenfalls Zeichen der Beachtung feststellen, etwa die Herausgabe von Gegenschriften, Verbotsverfügungen, Parlamentsdebatten oder ein Prozeß vor dem Bundesverfassungsgericht.

Im Folgenden geht es um politische Kleinschriften aus der Adenauer-Ära. Kulturgeschichtlich endet diese Zeit mit dem Aufkommen der Studentenbewegung 1967. Die ersten vier Jahre werden als Vorgeschichte dieser Zeit zugerechnet. Mit der Studentenbewegung kommt 1967 auch eine neue Art von Kleinschriften und insgesamt eine neue Buchkultur auf.


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