s_fz4_5klein.jpg

 

form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

Kashiwagi Hiroshi

Print-Kultur in der Gegenwart

 

Ende der 60er Jahre entstand der Film »Zwei komische Typen«, dessen Helden zwei smarte Männer sind, die im echten New Yorker Großstadtleben aufgehen. Davon wurde bald darauf unter Regie von Mel Faber eine Fernsehversion gemacht und in neunzig Folgen gesendet. Das Sujet dieser komischen Geschichte bestand darin, daß ein in Alltagsdingen extrem nachlässiger Mann auf irgendeine Weise mit einem im anderen Extrem ausgesprochen peniblen Mann in ein und demselben Appartement zusammenwohnte. In einer Folge der Fernsehserie wird letzterer als Geschworener vor Gericht gerufen. Darin gibt es eine Szene, in der sich die Geschworenen versammeln und auf ein Papier »schuldig« oder »unschuldig« schreiben. Der Mann, der die beschriebenen Stimmzettel einen nach dem anderen verliest, ruft plötzlich vor dem Verlesen eines dieser Blätter: »Wer hat hier mit Schreibmaschine geschrieben?!«. Genau besehen, handelte es sich um Handgeschriebenes - von dem »peniblen Mann«, dem Haupthelden. Das war sehr komisch, kennzeichnete es doch die Sinnlichkeit eines Mannes, die sich, dominiert vom Schönheitsempfinden des Druckzeitalters, herangebildet hatte.

In den 60er Jahren verfaßte McLuhan seine äußerst anregende Medientheorie, hinter der sich verbarg, daß die das Alltagsleben beherrschenden Medien sich von »mechanischen« zu »elektrischen« wandelten. Heute wandeln sich diese weiter zu »elektronischen«, und dennoch besitzen McLuhans Überlegungen wohl keine geringere Relevanz. Er schreibt folgendes: »Wie andere ›Erweiterungen des Menschen‹ brachte auch der Buchdruck psychologische und soziale Einflüsse auf den Menschen mit sich und veränderte mit einem Mal die bisherigen kulturellen Muster. Alte und mittelalterliche Welt verschmelzend - oder sollte man sagen vermengend? -, brachte das gedruckte Buch die moderne Welt hervor, welche man auch die dritte nennen könnte. Diese ist nun konfrontiert mit dem neuen elektrischen Zeitalter, anders gesagt: mit neuen Erweiterungen des Menschen. So wie der Buchdruck die Abschriften und die scholastische Kultur des Mittelalters verändert hat, so bewirken die elektrischen Informationsverarbeitungstechniken einen Wandel unserer Druckkultur.«

Das im Original verwendete Wort »Typographie« wird in der japanischen Übersetzung mit »Druck« wiedergegeben. Auch wenn das vielleicht nicht so genau zu nehmen ist, erweckt ersteres doch eher den Eindruck von Typendruck. McLuhan befaßt sich mit der Drucktypenkultur ausgehend vom Medienwandel vor den »elektronischen Technologien«, wie auch daraus ersichtlich, daß er von den »neuen Elektrotechnologien« schreibt (in der japanischen Übersetzung »elektrisches Zeitalter«). Und wenn er von elektrischen Medien spricht, hat er als eines der konkretesten höchstwahrscheinlich das Fernsehen vor Augen.

Mit der Dominanz der Medien des elektrotechnischen Zeitalters, angefangen beim Fernsehen, verändern sich die Printmedien und unser mit ihnen verbundenes Denken und Empfinden. Und dieses hatte sich wohl schon ziemlich verändert, ohne daß wir selbst es merkten, wie McLuhan sagt. Und weiter: Wenn wir nun von den »elektronischen Technologien« beherrscht werden, müßte sich unser Medienumfeld ebenso wie die Art unseres eigenen Empfindens und Denkens wieder wandeln. In dieser Gegenwart mag man die Typographie schon als »tote Technologie« bezeichnen.

Mit dieser absterbenden Technologie, der Typographie, will ich mich hier vor allem befassen, zuvor jedoch muß ich auf ein nicht zu übersehendes Problem eingehen, das der Typendruck (bei McLuhan Typographie) uns bringt: den »Sinn für die Distanz«.

McLuhan weist darauf hin, daß am bedeutungsvollsten von allem, was die Drucktechnik dem Menschen bringt, wahrscheinlich das Nicht-Berührtsein, das Nicht-Involviertsein, die Fähigkeit zu einem reaktionslosen Verhalten sei. Drucktechnik meint hier übrigens auch Typographie.


... lesen Sie weiter in form+zweck 4+5: Visuelle Kommunikation. Informations Design ...