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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

Volker Handloik

Punkt, Punkt, Komma, Strich

 

Das Plakat in der DDR war eine höchst politische Angelegenheit. Daher bleiben in der Behandlung der Plakat-Geschichte der DDR auch die Verknüpfung politischer Inhalte und künstlerischen Ausdrucks untrennbar. Eng ineinander verzahnt, von beiden Seiten, Auftraggeber und Künstler, in ihrer Unauflösbarkeit nie geleugnet, haben Kulturpolitik und künstlerische Möglichkeiten das DDR-Plakat einerseits zu technischer Meisterschaft und andererseits zu formelhafter Langeweile geführt. Lange Zeit dominierten typographische Variation und Alchimie des Goldenen Schnittes. Beim Kampf um eine »klare Aussage« blieb die Innovation auf der Strecke.

Sogenannnte »Eigenaufträge« bei Plakaten wurden erst später üblich und beschränkten sich lange Zeit auf den Theaterbetrieb, dessen Kantinenkultur Nischen für Künstler aller Coleur bot. Druckmaschinen, Druckmittel und die Mechanismen der Verteilung waren so fest in den Händen der staatlichen und parteilichen Auftraggeber, daß sie mühelos den Kurs der Plakate bis in die letzte Serife vorbestimmen konnten. Hier gab es keine »Verfolgten« wie bei den Malern, Dichtern, Schauspielern und meinetwegen auch den Schlagersängern; hier gab es nicht die Möglichkeit, in der Provinz aufzutreten, nicht die Möglichkeit, hektographiert sein Herzblut an die Gesinnungsgenossen zu verteilen, es gab keine heimlichen Fan-Gemeinden, die ihren Propheten auch in das letzte Nest hinterherreisten. Mit einer Drucklizenz verband sich eine gesicherte Auftragslage. Der Plakatkünstler hatte also kaum die Möglichkeit, diesen Zwängen zu entfliehen. Denn was ergab es für einen Sinn, etwas so Schnellebiges wie das Plakat für die Schublade zu schaffen? Und daher wird man wohl vergeblich nach Plakaten suchen, die eine zweite Öffentlichkeit wiedergeben.

Doch nun zum eigentlichen hier zu behandelnden Zeitraum, in dem es, wenn schon keine Strömungen, so doch Tendenzen gab.

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht.

So lautet ein deutscher Kinderreim. Mittels einfachster Zeichen wird ein Icon erstellt. Symmetrie und Raumaufteilung funktionieren so einfach wie dieser Reim. Höchstmögliche Abstraktion bei größtem Informationsgehalt. Kulturelle Moden und Wandlungen tauchen in den Plakaten der DDR, wenn überhaupt, erst sehr spät auf. Das DDR-Plakat war eine Spielwiese für Typographen. Punkt, Punkt, Komma, Strich: Das ist ihr einfachster Nenner.

Nur ein einziger Plakatkünstler in der DDR hat sich diesem Verdikt widersetzt. Sein Eintritt in die Riege der Plakat-Macher setzt eine Zäsur. Der Künstler: Volker Pfüller. Das Datum: etwa 1977. Geboren 1939 in Leipzig, studierte Pfüller an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee unter Werner Klemke, Arno Mohr und Klaus Wittkugel, die allesamt auch im Plakatbereich tätig waren. Arno Mohrs epochales Mai-Plakat von 1946 und Wittkugels gestalterische Vorreiterfunktion haben großen Einfluß gehabt auf das Wirken vieler Schüler. Während Mohr mehr eine schlicht-monumentale Malerei propagierte, setzte Wittkugel moderne funktionale, in der Bauhaus- und Schwitterstradition stehende Plakattypographie durch. Werner Klemke, der Meister des flüchtigen Bleistifts produzierte eine Unzahl locker-charmanter Veranstaltungsplakate, deren Wirkung sich noch bis in die Achtziger weiterverfolgen läßt.


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