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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Heinz Hirdina

Slowakei: Der Weg in die Moderne

 

Rezension zu Ladislav Foltyn »Slowakische Architektur und tschechische Avantgarde« (Dresden 1991)

 

Die Dreierbeziehung zwischen Architektur (slowakisch), Avantgarde (tschechisch) und dem slowakischen Autor im Buchtitel bedarf der Interpretation, denn slowakische Architekten gesellten sich zur tschechischen Avantgarde, die wiederum, unbeschadet ihrer nationalen Ausprägung, auf Wahlverwandte im übrigen Europa verweist. Und: Tschechen bauten auch in der Slowakei, aus Prag (und Brno) kam nicht nur der Kubismus, sondern kamen vor allem die theoretischen Diskussionen und programmatischen Manifeste. Die »Zwischenkriegszeit« (1918 - 1939) bringt schließlich die tschechoslowakische Avantgarde hervor.

Der in Brno und Wien ausgebildete Architekt Ladislav Foltyn (84) lebt heute in Bratislava, er arbeitete vor dem zweiten Weltkrieg in Baubüros, beteiligte sich nach 1945 an städtebaulichen Planungen, forschte und publizierte vor allem zur slowakischen Volksarchitektur, deren zerstörende Modernisierung er nicht aufhalten konnte.

Was Ladislav Foltyn mit Deutschland verbindet, sind nicht nur die prägenden Jahre am Bauhaus und im Atelier von Hugo Häring, sondern ist vor allem seine Frau Leni, eine Berlinerin, der dieses Buch gewidmet ist.

Foltyn schreibt wohl aus zeitlicher, nicht aber aus persönlicher Distanz, ein bedachtsames Erkunden zeichnet seinen Stil aus, dessen Zeitdimension dem Tempo der heutigen Medien fern ist.

Das Buch ist zwar aus dem Slowakischen (von Günther Jarosch) übersetzt, aber nicht aus einer Publikation, sondern aus dem Manuskript. Vor Jahren hatte das Verlagsgutachten eines Kollegen sein Erscheinen in der Tschechoslowakei verhindert.

So ordnet sich der Band heute in die Kontinuität eines Verlagsprogramms, die 1967 mit der Lissitzky-Monografie ihren Anfang genommen hat und von der inzwischen gewiß ist, daß sie 1991 mit Foltyns Buch zu Ende gegangen ist, statt auf weitere Regionen östlich der Oder und südlich von Prag ausgedehnt werden zu können.

Für die vorliegenden Bände zur Avantgarde (und nicht nur für sie) war die theorieintensive Verarbeitung unerschlossener Quellen typisch, das vorliegende Buch ist eins davon. Sein Thema ist regional begrenzt, sein Gehalt aber von allgemeiner Bedeutung. Der Autor fragt kulturgeschichtlich nach den ästhetischen Potenzen gebauter Bedürfnisse und er reflektiert die Diskussionen darüber, besonders jene zum Funktionalismus.

Eberhard Felz, der das Buch gestaltet hat, präsentiert das Verlagstypische, wenn er Abbildungen nicht als Illustration und nicht als autonome Bilder sondern als Informationen behandelt. Wie die Größe der abgebildeten Grundrisse und ihre Verbindung zu Schnitten und Fotos zeigen, kam es ihm auf die »Lesbarkeit« der Abbildungen an.

Der Leser verfolgt die Entwicklung von einer stilistisch anlehnungsbedürftigen Architektur zum gebauten Selbstbewußtsein einer Nation nach dem ersten Weltkrieg und ihrer Öffnung zur europäischen Avantgarde bis zu jenen Jahren, in denen weniger gebaut und mehr diskutiert wird.

Die Einleitung selbst ist schon Architekturgeschichte. Sie beginnt mit der Jahrhundertwende, mit den Folgen des nicht nur stilistischen Aufbruchs in Wien, der Besinnung auf englische Wohnkultur, dem historisierenden Eklektizismus und eine Besonderheit: der slowakischen Volkskultur und ihrer anonymen Architektur. In deren Milieu leben, so Foltyn, in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts achtzig Prozent der Slowaken. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre findet der Autor noch »verwehte Spuren«, »die von der Volkskultur und der Volkskunst zur modernen Architektur führen« (S. 76).

Solche Spuren begreift der Autor eher atmosphärisch als formal und gesteht ihre schwierige Beschreibbarkeit. F.X. Salva spricht vom »Takt des Herzens«, Foltyn von »homozentrische(r) Zielstellung« (S. 135). Höchstens in den Beziehungen zur Natur und in der Verwendung einheimischer Baustoffe werden sie konkret.


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